Bürgerbeteiligung auf dem Land – Besonderheiten, Herausforderungen und Erfolgsfaktoren

Wie gelingt es, Zukunft auf dem Land gemeinsam zu gestalten? Durch das Ideal der endogenen Dorfentwicklung und der sorgenden Gemeinschaft sowie den Wandel zur ganzheitlichen Dorfförderung werden in ländlichen Gemeinden immer häufiger partizipative Prozesse angestoßen. Bürgerbeteiligung ist allerdings nicht eins zu eins von der Stadt auf das Land übertragbar. In ländlichen Räumen gibt es Besonderheiten und Herausforderungen bei Beteiligungsverfahren, die es für den Erfolg der angestoßenen Prozesse zu beachten gilt.

Innerdörfliche Vernetzung

Akteur*innen kennen sich häufig persönlich und sind gut miteinander vernetzt. Das kann Vor- und Nachteile mit sich bringen. Zum einen kann durch kurze Wege und den »Mund-zu-Mund-Dorffunk« eine Aktivierung und Motivation der Dorfgemeinschaft durch die richtigen Multiplikator*innen stark gefördert werden. Zum anderen kann die starke Vernetzung aber auch dazu führen, dass Bewohner*innen, die nicht zu den vernetzten Kreisen gehören, sich nicht angesprochen fühlen oder der Eindruck entsteht, sie oder ihre Sichtweisen seien in diesem Kreis nicht willkommen. Zu den in den Gemeinderäten weniger präsenten Gruppen gehören zum Beispiel auch heute noch Frauen. Die Generation in der »Familien-Phase« ist außerdem aufgrund knapper Zeitressourcen oft schwieriger einzubinden. Darüberhinaus gehört diese Gruppe häufig zu den Neubürger*innen und ist noch nicht hinreichend in die Gemeinschaft integriert. Bei der Beteiligung von Kindern und Jugendlichen stellen häufig mangelnde eigenständige Mobilität und zu geringe öffentliche Verkehrsverbindungen angesichts eines weitläufigen Gemeindegebiets eine Herausforderung dar.

Traditionelle Hierarchien

Die Stimmen von Entscheidungsträger*innen wie Bürgermeister oder Bürgermeisterin gelten in ländlichen Räumen als besonders gewichtig – auch außerhalb offizieller Entscheidungsrahmen. Doch gerade in Anbetracht komplexer Problemstellungen wie dem demographischen Wandel steigt das Interesse an neuen Herangehensweisen. Dabei ist wichtig, dass Entscheidungsträger*innen in diese Verfahren involviert sind.

Bürger*innenselbsthilfe braucht längerfristige Unterstützung und Professionalisierung

Bei der Erstellung eines Zukunftskonzeptes kommt schnell kreative Energie in die Gemeinde. Allerdings sollte der weiterführende Prozess nicht alleine auf den Schultern des Ehrenamtes lasten, dem es meist an Zeit und auch Moderations- und Projektmanagementkenntnissen mangelt. Meist werden Projekte entwickelt, die längerfristige Prozesse nach sich ziehen und auch eine externe Beratung benötigen.

Während auf der einen Seite staatliche Infrastrukturleistungen zurückgefahren werden und auf der anderen Seite Angebote des Marktes in ländlichen Regionen nicht zur Verfügung stehen, müssen perspektivisch mehr und mehr Themen eigenverantwortlich in die Hand genommen werden. So entstehen immer mehr ehrenamtlich und bürgergenossenschaftlich getragene Projekte. Hier muss jedoch darauf geachtet werden, dass das zivilgesellschaftliche Engagement nicht überlastet und auch personell und finanziell unterstützt wird.

Gefahr des Kirchturmdenkens

Eine Beteiligung scheint Menschen meist besonders sinnvoll, wenn es um ihre direkten Anliegen geht, also ihr eigenes Dorf. Allerdings kann man vielen Herausforderungen wie beispielsweise der Mobilitätssicherung besser auf kommunaler oder oftmals auch interkommunaler Ebene begegnen.

Sensibilisierung für die Zukunft

Bei der Erarbeitung von Visionen bzw. Leitbildern fällt es häufig schwer, anzuerkennen, dass der Heimatort gegebenenfalls von starken Veränderungen betroffen sein wird – beispielsweise, dass das eigene Dorf mit den aktuellen Gegebenheiten kaum jüngere Menschen anziehen und somit stark altern wird. Die Vorstellung, dass in zehn Jahren alles noch so ist wie heute, ist schwer loszulassen. Hier kann durch frühzeitige Beteiligungsformate mit einem größeren Zeithorizont zu einer gewissen Sensibilisierung beigetragen werden. Entscheidungen für die Zukunft können so mit mehr Weitblick getroffen werden und hinreichend Flexibilität für zukünftige Veränderung beinhalten.

Drei Tendenzen in Beteiligungsprozessen auf dem Land

Das Netzwerk Bürgerbeteiligung nennt außerdem drei Tendenzen im Bereich Bürgerbeteiligung, die in ländlichen Räumen (Schwerpunkt Niedersachsen und Schleswig-Holstein) zu erkennen sind.

1. Verstärkter Lokalbezug

Ein verstärkter Lokalbezug ist darauf zurückzuführen, dass nach der Orientierung an der Förderung größerer Gebiete (LEADER-Regionen) das Bedürfnis nach direkterer Entwicklung der eigenen Gemeinde entstanden ist.

2. Steigende Zukunftsorientierung

Zu beobachten ist außerdem eine steigende Zukunftsorientierung von Projekten. So zielten laut eigener Aussage der vom Netzwerk Bürgerbetieligung untersuchten Entwicklungsprojekte nahezu alle darauf ab, ein Leitbild und Handlungsempfehlungen für einen großen Zeithorizont à la »unsere Gemeinde 2025/2030« zu entwickeln.

3. Anspruch an eine »breite Bürgerbeteiligung«

Insgesamt ist ein zunehmender Anspruch an eine breit aufgestellte Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern und der Bedarf nach informellen Verfahren zur Ergänzung der Gemeindepolitik festzustellen.

Gelungene Bürgerbeteiligung auf dem Land – vier wichtige Faktoren

Damit Bürgerbeteiligung in Landgemeinden Erfolg hat, spielen außerdem folgende Faktoren eine wichtige Rolle.

1. »Kontextbewusstsein«

Der Blick auf die Dorfgeschichte und das Erkennen der lokalen Besonderheiten und Schätze bildet die Basis.

2. Kooperation mit Schlüsselpersonen

Personen, die das Vertrauen der Dorfgemeinschaft genießen sollten unbedingt in den Beteiligungsprozess eingebunden werden. Gemeinsam mit ihnen sollten die Rahmenbedingungen für den Beteiligungsprozess ausgearbeitet werden.

3. Offene Prozessgestaltung

Die Prozessgestaltung muss zudem offen für alle, die sich beteiligen wollen, transparent und auf Augenhöhe erfolgen.

4. Verstetigung des Prozesses

Es sollte immer darauf geachtet werden, dass der Prozess innerhalb der Gemeinde verstetigt werden kann, also auch über Förderzeiträume hinaus funktioniert. Nur so kann die tatsächliche, kreative Mitgestaltung im Rahmen bürgerschaftlicher Projekte, gegebenenfalls in Kooperation mit Kommunen und Wirtschaft, dauerhaft ermöglicht werden

Quellen:     

Hawel, B. W., Quast, A. (2014). Bürgerbeteiligung im ländlichen Raum. Thesen und Erfahrungen aus dem hohen Norden. eNewsletter Netzwerk Bürgerbeteiligung 04/2014 vom 15.12.2014.

Netzwerk Bürgerbeteiligung (2016). Impulspapier: Gemeinsam Zukunft entwickeln! Merkmale gelungener Bürgerbeteiligung in Landgemeinden.