Daseinsvorsorge selbst gemacht – Wie Bürgergenossenschaften wichtige Angebote erhalten und schaffen

Der letzte Gasthof schließt, der Bus fährt zu selten, der Dorfladen ist bedroht – so oder so ähnlich stellt sich die Situation leider heute in vielen Dörfern dar. Wo sich der Staat zurückzieht oder sich Angebote für einzelne wirtschaftlich nicht rechnen, ist oft Selbsthilfe und der Zusammenschluss von Vielen notwendig – oder nach dem Motto eines der Begründer der Genossenschaftsidee Friedrich Wilhelm Raiffeisen: »Was einer allein nicht schafft, das vermögen viele«. Hierfür ist die Rechtsform der Genossenschaft ein geeignetes Traditionsmodell, das wieder im Trend liegt.

Nachdem wir letzte Woche einen Blick auf Energiegenossenschaften und genossenschaftliche Modelle zur Förderung nachhaltiger Flächennutzung geworfen haben, widmen wir uns nun der Rolle von Genossenschaften für die ländliche Daseinsvorsorge.

Immer weniger Angebote der Nahversorgung und Daseinsvorsorge in der Fläche

Traditionell gab es ein umfassendes Angebot der öffentlichen Grundversorgung in den Dörfern: Geschäfte, Post, Polizei, Feuerwehr, Gemeindeverwaltung, Schule, Kindergarten, Volkshochschule, Kirche, Krankenversorgung, Sparkasse und Genossenschaftsbank, Sport- und Freizeiteinrichtungen sowie Kulturangebote waren in den meisten Orten zu finden. Heute sind solche Einrichtungen vielfach zentralisiert und nur noch in Mittel- und Oberzentren zu finden. Viele Versorgungseinrichtungen ziehen sich seit den 1970er Jahren nach und nach aus der Fläche zurück.

Besonders Gaststätten und Dorfläden sind heute zunehmend von der Schließung bedroht. Die Zahl der dörflichen Lebensmittelläden ist in den lezten Jahrzehnten stark zurückgegangen. Oft müssen Läden oder Wirtshäuser schließen, weil ihre Betreiber*innen altersbedingt das Geschäft aufgeben müssen und die nächste Generation den Betrieb nicht übernehmen möchte. Auch die Konkurrenz durch große Supermärkte und das Online-Shopping ist für kleine, inhabergeführte Geschäfte ein Problem. Das dementsprechende Kaufverhalten der Bevölkerung (mehr Wochenendeinkäufe und starke Preisorientierung) schwächt die Existenzchancen von kleinen Dorfläden. Laut BMEL ist für etwa zwei Drittel der Menschen auf dem Land der nächste Lebensmittelmarkt so weit entfernt, dass sie ihn nicht zu Fuß erreichen können (1).

Aber Einrichtungen der kommunalen Daseinsvorsorge haben nicht nur einen rein praktischen Nutzen. Der Dorfladen, das Café, die Gaststätte sind vor allem auch soziale Orte und Orte der Gemeinschaftsbildung. »Ist kein Laden mehr im Dorf, ist kein Leben mehr im Dorf.«, sagt der emeritierte Universitätsprofessor und »Dorf-Experte« Gerhard Henkel.

Gemeinsam mehr stemmen – Bürgergenossenschaften nehmen Probleme selbst in die Hand

Allerdings gibt es auch positive Beispiele, die Wege aufzeigen, wie dieser Entwicklung gemeinschaftlich begegnet werden kann und bürgerschaftliche Zusammenschlüsse spielen dabei in den meisten Fällen eine wichtige Rolle. Neben Trägervereinen und Dorfstiftungen übernehmen so Bürgergenossenschaften zum Beispiel den letzten Laden oder das aufgegeben Wirtshaus, sie betreiben gemeinschaftlich Schwimmbäder, Kitas, Kinos, Theater, Bürgerbusse oder Pflegeeinrichtungen.

Den Trend zu Genossenschaften verdeutlichen zahlreiche Neugründungen in der jüngeren Zeit. Dies begünstigte auch die Novellierung des Genossenschaftsgesetzes 2006. Seither dürfen sich auch Sozial- und Kulturgenossenschaften der eG-Rechtsform bedienen, bürokratische Hürden wurden deutlich gesenkt und besonders Gründungen für kleinere Genossenschaften wurden vereinfacht. Außerdem sorgen Förderprogramme wie »Gut Beraten!« in Baden-Württemberg und die die »Zukunftsinitiative Sozialgenossenschaften« in Bayern für Anschubfinanzierung.

Kleine Dorfläden werden zudem immer häufiger von lokalen Genossenschaften getragen, die nach dem Kostendeckungsprinzip gemeinwesenortientiert arbeiten und keinen Gewinn erwirtschaften wollen bzw. müssen. Aber auch andere lokale Dienste wie Gasthäuser, Schwimmbäder, Bürgerbusse und soziale dorfeigene Einrichtungen wie Pflegeeinrichtungen und Kitas sowie Initiativen in der Raumenentwicklung wie eine Waldgenossenschaft werden gemeinwohlorientiert und genossenschaftlich, teils in Partnerschaft mit der jeweiligen Kommune getragen.

Laut einer Studie des Instituts für Genossenschaftswesen (IfG) der Humboldt-Universität zu Berlin waren von insgesamt 2648 neu gegründeten Genossenschaften im Zeitraum von 2005 – 2016 immerhin 405 gemeinwesenorientiert, das entspricht 15,3 Prozent (2).

Quelle: Humboldt-Universität zu Berlin/Institut für Genossenschaftswesen 

Neben Förderprogrammen, die die Gründung begünstigen, fallen in den Untersuchungen der Studie weitere Faktoren auf, die die Gründungsdynamik regional stark beeinflussen. Die gemeinwesenorientierten Genossenschaften wurden beispielsweise häufiger in den Kommunen gegründet, die bei Wohlstand und sozialer Lage gut aufgestellt sind. Demografische Entwicklung und Arbeitsmarktsituation beeinflussen ebenso die Grün­dungszahlen – wenn auch in geringerem Maße. Das Gründen von Genossenschaften benötigt also gewissen Voraussetzungen: Neben der intrinsischen Motivation und der Bereitschaft selbst Verantwortung zu übernehmen, braucht es die dementsprechenden finanziellen Ressourcen und das nötige Know-how.

Wir stellen vier Beispiele von Bürgergenossenschaften vor, bei denen betroffene Bürger*innen, in Eigenregie Versorgungsangebote und zivilgesellschaftlich motivierten Unternehmen aufgebaut haben und betreiben.

Unser Laden Falkenau e.G.

Die großen Ketten hatten abgesagt – ein Laden sollte dennoch her. Vor gut 12 Jahren gründeten die Falkenauer*innen ihren eigenen Laden. Sie taten sich als Genossenschaft zusammen – heute sind mehr als 400 Falkenauer*innen Mitglieder in der Genossenschaft, das ist jede*r fünfte Einwohner*in. Die Mitgliedschaft kostet 50 Euro – eine Einlage, die zum Grundstock des Dorfladens beiträgt. Der Laden bietet ca. 5.000 Artikel an und läuft gut – nach eigenen Angaben macht er bis zu mehreren 10.000 Euro Umsatz.(3)

Miteinander.Deersheim!

Auf dem Land ist es sinnvoll, mehrere Angebote zu kombinieren, die sich einzeln nicht mehr tragen würden – das Stichwort ist Mehr- bzw. Multifunktionshäuser. Ein solches Mehrfunktionshaus ist das Projekt »Miteinander.Deersheim!« in Sachsen-Anhalt, ein genossenschaftliches, generationsübergreifendes Nahversorgungszentrum im denkmalgeschützten Edelhof. Dort gibt es einen Dorfladen, kombiniert mit Post, Apotheke und einem Friseur, einem Café, einem Kindergarten, einem Mehrfachnutzungsraum für Beratung und Bildung, sowie eine Markthalle. Die Genossenschaft entstand aus einer Bürgerinitiative, die sich im Ragmen des Projekts »ZukunftsWerkStadt – Vision 20plus – Gemeinsam mehr bewegen« des Landkreises Harz gebildet hat. Mit ca. 125 Mitgliedern ist ein großer Teil der Bevölkerung Mitglied der Genossenschaft, die deutlich zum Erhalt der Lebensqualität in der Region beiträgt.(4)

Hallenbad Baienfurt e.G.

In zahlreichen ländlichen Gemeinden schließen Freizeiteinrichtungen wie öffentliche Bäder – mehr dazu im Artikel Sommer – Sonne – ab ins Freibad!, da sie für die Kommune nicht mehr finanzierbar sind. So auch in der oberschwäbischen 7000 Einwohner*innen Gemeinde Baienfurt bei Ravensburg, wo 2010 eine Papierfabrik schloss und die Gewerbesteuern wegfielen. Die Bürger*innen fassten einen Entschluss: Ein Hallenbad von Bürger*innen für Bürger*innen. Die Bürgerinitiative startete eine Unterschriftenaktion und hatte bald über 2000 Unterschriften gesammelt. Ein Förderverein mit heute 460 Mitgliedern – einer der größten Vereine der Gemeinde – wurde gegründet und bald darauf, 2012 das ersten genossenschaftlich betriebenen Hallenbad in Baden-Württemberg. Inspiriert wurden sie durch ähnliche Projekte in Niedersachen und Hessen und bei der Gründung wurden sie intensiv vom Baden-Württembergischen Genossenschaftsverband beraten und unterstützt. Das Hallenbad in Bürgerhand ist eine gute Werbung für den Ort und mittlerweile kommen sogar rund 20 Prozent mehr Badegäste als vor der Genossenschaftsgründung zu Besuch.(5)

Ein Dorf wird Wirt

Mit dem Wirtshaussterben in ländlichen Gemeinden geht auch Lebendigkeit und Kultur verloren. »Das Dorfleben hatte sich in die Vereinsheime verlagert. Es gab keinen gemeinsamen Treffpunkt mehr«, so Peter Urbin, Vorstandsvorsitzender der Genossenschaft »Ein Dorf wird Wirt« Objektgenossenschaft Altenau eG. Auch sein Mitstreiter Robert Soukup ist sicher: »Wenn ein Wirtshaus schließt, dann bricht der Austausch untereinander weg.« Das wollten die Bürger*innen von Altenau im Pfaffenwinkel ändern und entschlossen sich das zehn Jahre leerstehende Gasthaus in Eigeninitiative wiederzubeleben. Sie gründeten die Genossenschaft »Ein Dorf wird Wirt« und richteten das Gasthaus in etlichen Arbeitsstunden wieder her. Die Unterstützer*innen kommen dabei nicht nur aus der Region, unter ihnen sind auch Urlauber*innen aus allen Teilen Europas zu finden. Es ist ein Projekt mit Strahlkraft – längst haben die Altenauer*innen Nachahmung im In- und Ausland inspiriert.(6)

So motivierend diese Beispiele auch sind – es steckt eine menge Schweiß, Herzblut, Mut und Durchhaltevermögen in den Projekten. Die Verfügbarkeit der Ressourcen Zeit und Wissen kommt noch oben drauf. Ohne freiwilliges, ehrenamtliches Engagement sind solche Vorhaben selten umsetzbar. Dieses Engagement gilt es zu pflegen, zu unterstützen und wertzuschätzen und die Motivation über lange Zeit aufrechtzuerhalten bzw. immer wieder neu zu entfachen. Denn die Untersuchungen des IfG zeigen – das Selbstvertrauen, zusammen etwas verändern zu können, schweißt die Gruppen zusammen und genau diese Erfahrungen und das Gemeinschaftsgefühl treiben die Engagierten an.

Aber nicht in jedem Ort gibt es genug Menschen, die neben Beruf und Familie solche Projekte stemmen, geschweige denn mit hohem privaten Einsatz auch gewisse Risiken eingehen können. Zudem muss das Angebot auch krisensicher sein und funktionieren, wenn das ehrenamtliche Engagement wegfallen sollte.

Deshalb empfiehlt es sich, bei solchen Vorhaben die Kommune mit in die Verantwortung zu ziehen und mit ihr in Kooperation umzusetzen. Denn der Mehrwert, den die Genossenschaft in die Region bringt sollte auch von der Politik gesehen und unterstützt werden – möglichst auch finanziell. Genossenschaften können die gemeinsamen Handlungsspielräume erweitern – aber sie sind kein Ersatz für staatliches Handeln!

Quellen:

(1) BMEL – Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Hg.) (2017). Zukunft auf dem Land – Impulse für lebenswerte Regionen. Berlin 

(2) https://www.netzwerk-laendlicher-raum.de/fileadmin/SITE_MASTER/content/PDFs/LiF/LandInForm_20_1_gesamt.pdf

(3) https://www.deutschlandfunk.de/genossenschaften-unternehmensziel-solidarisch-und.724.de.html?dram:article_id=469090

(4) https://www.bmel.de/SharedDocs/Praxisbericht/DE/laendliche-Regionen/deersheim-dorfladen.html

(5) https://www.wir-leben-genossenschaft.de/de/genossenschaftliches-eintauchen-im-hallenbad-baienfurt-eg-179.htm

(6) https://www.genossenschaften.de/ein-dorf-wird-wirt-0