Digitale Arbeit auf dem Land – wie Corona neue Zukunftschancen eröffnet

Wohnen auf dem Land, Arbeiten in der Stadt. Tägliche Pendelstrecken mit ein bis drei Stunden Fahrzeit. So sah für viele Dorfbewohner*innen der Alltag in den letzten Jahrzehnten aus. Seit einigen Jahren tut sich etwas – Stichworte: Homeoffice, Coworking, digitale Arbeit, New Work. Diese, insbesondere von der Digitalisierung getriebenen, Veränderungen der Arbeitswelt bieten riesige Chancen für ländliche Räume und prägen das Landleben der Zukunft.

Corona leistet dem Trend zum dezentralen Arbeiten erheblichen Vorschub

Aktuell zeigt sich: wenn es sein muss, geht’s. Jede*r zweite (49%) Berufstätige arbeitet mittlerweile ganz oder zumindest teilweise im Homeoffice. Das ist das Ergebnis einer repräsentativen Befragung von mehr als 1.000 Bundesbürgern ab 16 Jahren im Auftrag des Digitalverbands Bitkom. Jede*r fünfte Berufstätige arbeitet wegen Corona erstmals im Homeoffice: 18% durften zuvor gar nicht von zuhause aus arbeiten und tun dies nun zeitweise (15%) oder in Vollzeit (3%). Bereits vorher konnte jede*r Dritte (31%) im Homeoffice arbeiten und macht das jetzt häufiger (17%) oder vollständig (14%).(1)

Homeoffice in Zeiten von Corona. Quelle: Bitkom 2020, eigene Darstellung

Denn das Potential ist da: jede*r zweite Angestellte hat bereits einen PC-Job aber nur jeder fünfte durfte bisher regelmäßig im Homeoffice arbeiten. Dies geht aus einem Bericht vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hervor. Ein Hauptgrund dafür könnte mangelndes Vertrauen sein. Eine Studie der Uni Stanford zeigt allerdings, dass die Produktivität im Homeoffice sogar steigen kann – wenn die technische Ausstattung stimmt.

Das Thema Homeoffice ist durch Corona nun in sehr vielen Unternehmen angekommen. Der aktuell rasante Wissenszuwachs darüber, wie ortsunabhängiges Arbeiten ganz praktisch funktionieren kann, bietet große Chancen für ländliche Regionen. Die Bereitschaft von Arbeitgeber*innen und Führungspersonen, Mitarbeiter*innen das Arbeiten im Homeoffice zu ermöglichen, könnte in Zukunft sehr viel höher ausfallen. Laut Sven Hermann, Experte für digitale Arbeitsprozesse, gilt es nun diese Entwicklung zu professionalisieren, Raum und Infrastruktur sowie Meetingkultur anzupassen, damit dies für beide Seiten die gewünschten Vorteile mitbringt.(2)

Denn Homeoffice ist für einen langfristigen Wandel der Unternehmenskultur zwar ein erster wichtiger Schritt, Digitalisierung ist aber nicht nur ein technologischer Wandel, sondern ein Veränderungsprozess der vor allem Menschen mit ihren Gewohnheiten und Verhaltensmustern betrifft.

Landleben 2.0 – neue Wohn- und Arbeitsmodelle für die Zukunft

Fakt ist also, Corona leistet dem Trend zum dezentralen Arbeiten erheblichen Vorschub. Aber nicht nur diese Entwicklung weist darauf hin, dass das Leben auf dem Land zukünftig für immer mehr Menschen interessant sein wird.

Laut Zukunftsforscher Daniel Dettling wünschen sich immer mehr Menschen, die Vorzüge aus Stadt und Land zu kombinieren. Corona verstärkt nun zusätzlich einige der Faktoren, die diesen Wunsch antreiben. Die Enge der Stadt wird für viele Menschen in der aktuellen Situation noch deutlicher spürbar. Die Bedürfnisse nach mehr Raum, Freiheit, Nähe zur Natur und einem direkteren Gemeinschaftsgefühl manifestieren sich in der Sehnsucht nach dem Land.

Die Grenzen zwischen Stadt und Land werden laut Daniel Dettling fließend. Dazu trägt besonders die Digitalisierung bei. Die Möglichkeit von überall aus zu arbeiten nutzen sogenannte digitale Nomaden schon seit einigen Jahren. Flexibles Arbeiten im Grünen rückt nun für viele, durch die mit Corona verbundenen Veränderungen der Arbeitsumstände, in greifbare Nähe. Der Trend setzt sich also fort und wird durch Corona verstärkt. Nun sind attraktive Wohn- und Arbeitsmodelle für das Landleben 2.0 gefragt.

Coworking Spaces bringen urbanes Lebensgefühl aufs Land

Homeoffice alleine kann jedoch auch zur Herausforderung werden. Die gemeinsame Kaffeepause, der spontane kreative Austausch und die direkten sozialen Kontakte lassen sich nicht immer durch digitale Alternativen ersetzen. Zudem brauchen viele Menschen die Trennung von Arbeiten und Wohnen, von Leistung und Erholung.

Auch auf dem Land können Coworking Spaces diese Lücken schließen und die Vorteile von Homeoffice und Präsenzarbeit kombinieren. Das lange Pendeln fällt weg, hinzu kommen kreativer Austausch, neuer Input durch vielfältige kulturelle und fachliche Veranstaltungen. Zielgruppen sind neben Pendler*innen oftmals Soloselbständige, beispielsweise aus beratenden Bereichen, digital Arbeitende aus der Kultur- und Kreativbranche, Gründer*innen, Rückkehrer*innen, Start-Ups oder auch jene digitalen Nomaden, die gerne Urlaub und Arbeit kombinieren – Stichwort Workation.

Zwar wollen viele Leute von der Stadt raus auf’s Land, suchen aber dennoch das Urbane und wollen die Vorzüge der Stadt nicht missen. Auch hier können Coworking Spaces einiges bieten – als Hub von Gründungskultur und urbanem Lebensgefühl. Sie werden zu ländlichen Kreativorten, die Innovation in die Region bringen. Die Initiative »Kreativorte Brandenburg« sowie das »Netzwerk Zukunftsorte« zeigen beispielsweise solche kreativen Ankerpunkte in Brandenburg auf.(4) Die meisten der Projekte zeichnet aus, dass sie sowohl Angebote schaffen, um Menschen von außerhalb anzuziehen, aber auch die Bedürfnisse vor Ort ansprechen. Das bedeutet zum Beispiel, einen offenen Treffpunkt für die Dorfgemeinschaft einzurichten. Die meisten Spaces sind multifunktional und manche bieten neben Gemeinschafts- und Arbeitsräumen auch Möglichkeiten zum gemeinschaftlichen Wohnen (Coliving).

Im Forschungsprojekt »CoWorkLand« der Heinrich Böll Stiftung werden die Bedingungen, unter denen neues Arbeiten in innovativen gemeinsamen Arbeitsräumen auf dem Land funktionieren kann, erforscht. Daraus entstand die gleichnamige Genossenschaft CoWorkLand. Sie ist ein Netzwerk aus Coworking Space Betreiber*innen im ländlichen Raum und aktuell vor allem in Schleswig-Holstein vertreten. Die Genossenschaft unterstützt Gründer*innen mit gemeinsamer Infrastruktur, Qualifikations- und Beratungsangeboten.(5)

Der Coworking-Manager des St. Oberholz in Berlin Mitte Tobias Kremkau setzt im Podcast »Digitale Provinz« ein klares Statement. Er ist der Meinung, dass Coworking auf dem Land, mit all den einhergehenden Potenzialen, sogar Landflucht verhindern kann. Nebenbei trägt es dazu bei, von der UNO aufgestellte Nachhaltigkeitsziele zu erreichen. So wird durch Coworking beispielsweise (psychisch) gesünderes Arbeiten ermöglicht, CO2 Emissionen werden verringert, da auf Pendeln verzichtet werden kann und es hilft dabei, die »Vision Zero« anzustreben – null Verkehrstote in der EU bis zum Jahr 2050.(6)

Im Endeffekt kann die aktuelle Ausnahmesituation neben all ihren verheerenden Auswirkungen auch positive Folgen und Chancen mit sich bringen. Für ländliche Regionen gilt es nun, diese Chancen zu ergreifen. Voraussetzungen dafür sind, neben einem leistungsfähigen Netz, mutige Kommunen und Privatpersonen, die in Infrastrukturen für Coworking investieren, sowie zukunftsorientierte Führungspersonen, die die Gunst der Stunde für ihre Digitalisierungsstrategie und einen langfristigen Wandel der  Unternehmenskultur nutzen.

Quellen:

(1) https://www.bitkom.org/Presse/Presseinformation/Corona-Pandemie-Arbeit-im-Homeoffice-nimmt-deutlich-zu

(2) https://www.butenunbinnen.de/audios/corona-homeoffice-landleben-100.html

(3) https://www.butenunbinnen.de/audios/corona-homeoffice-landleben-100.html

(4) https://www.kreativorte-brandenburg.de/ & https://zukunftsorte.org/

(5) https://www.boell-sh-digital.de/coworkland/

(6) Podcast: Digitale Provinz – Folge 1: Coworking kann Landflucht verhindern