Dritte Orte – Wichtige Räume für gesellschaftlichen Zusammenhalt

»Sie haben erkannt, wie wichtig in der derzeitigen Situation der Verunsicherung analoge Orte sind, damit wir Gelegenheit haben, uns wechselseitig zu versichern, wofür wir einstehen wollen. Und die Erfahrung machen, nicht allein zu sein. Solche analogen Orte der Demokratie benötigen wir jetzt hundertfach im ganzen Land.« (1) Dieses Zitat von Jürgen Wiebicke aus dem Buch »Zehn Regeln für Demokratie-Retter« von 2017, passt heute mehr denn je.

In Zeiten von Corona wurde es für uns alle deutlicher spürbar – wir brauchen analoge Orte der Kultur und Bildung, der Begegnung und des Austauschs! Nicht nur für die individuelle Lebensqualität, auch für das gesellschaftliche Leben sind Orte des Austauschs und des gesellschaftlichen Diskurses im öffentlichen Raum nicht durch digitale Lösungen ersetzbar. Solche sogenannten »dritte Orte« – Ausgleichsorte zu Familie und Beruf – sind besonders auf dem Land von zentraler Bedeutung. Traditionell waren Gasthof, Dorfladen sowie Bäckerei oder Metzgerei Orte der informellen Zusammenkunft und des Informationsaustauschs, des »Dorffunks«. Häufig sind diese Räume jedoch bedroht oder schon längst geschlossen.

Das Verschwinden von niederschwelligen Begegnungsräumen

Viele mittelgroße Dörfer mit 500 bis 1000 Einwohnern verlieren zusehends den letzten Gasthof oder Dorfladen. Einzelhandelsgeschäfte mit Lebensmitteln, oft kombiniert mit einem Bäcker und einer Auswahl an Haushaltswaren, waren jedoch nicht nur wichtiger Bestandteil der dörflichen Grundversorgung. Dorfläden waren und sind immer noch zugleich sozialer Treffpunkt und Kommunikationsort für lokale Nachrichten. Sie sind meist das natürliche Zentrum für Kontakte, Gespräche und Verabredungen, besonders für ältere Menschen, Erziehende mit kleinen Kindern oder andere weniger mobile Gruppen.

Gaststätten, Gasthöfe, Wirtshäuser, Schenken, Kneipen, Dorfkrüge – egal in welcher Form – sind traditionell die berufs-, sozialschichten- und generationsübergreifende Treffpunkte im Dorf. Früher war der Besuch im Wirtshaus nur für Männer üblich, heute besuchen auch Frauen und Familien die Dorfgasthäuser, die gerade in kleinen Dörfern oft den einzigen gesellschaftliche Mittelpunkt darstellen. Ähnlich wie Dorfläden sind jedoch auch Gaststätten vom »Aussterben« bedroht. Die – teils nebenerwerblichen – Betreibenden sind oft von Arbeitsüberlastung betroffen, die steigenden Personalkosten und ein oft hoher Renovierungsaufwand sorgen für finanzielle Verausgabungen. Weitere Gründe für das sogenannte Wirtshaussterben sind ein Mangel an Fachkräften und Nachfolger*innen, erhöhte Anforderungen an Wirtschaftskompetenzen, einschränkende Gesetze und staatliche Verordnungen. Manchmal fehlt auch schlichtweg die Nachfrage aufgrund von veränderten Ausgeh- und Konsumgewohnheiten oder Verlust von Bevölkerung durch Wegzug.   

Der Wegfall dieser Orte hat weitreichende Folgen. Durch den Leerstand entsteht nicht nur ein bauliches Vakuum – wir sprachen bereits über den Donut-Effekt. Es wird immer deutlicher, dass in Dörfern, die keine Gaststätte oder keinen Dorfladen als Ort des gesellschaftlichen Diskurses mehr haben, Vereinsleben und kommunalpolitisches Engagement einzuschlafen drohen. »Denn«, so die Soziologin Prof. Dr. Claudia Neu, »mit ihrem Verlust gehen nicht nur Begegnungsorte im öffentlichen Raum verloren, sondern es fehlt auch an Ankerpunkten des bürgerschaftlichen Engagements.« (2)

Neue Anforderungen an »Dritte Orte«

Prof. Dr. Claudia Neu ist seit September 2016 Leiterin des Fachgebiets Soziologie ländlicher Räume der Universitäten Göttingen und Kassel und erforscht mit dem SOFI (Soziologisches Forschungsinstitut Göttingen an der Georg-August-Universität) im Projekt »Das Soziale-Orte-Konzept. Neue Infrastrukturen für gesellschaftlichen Zusammenhalt«, wie in Anbetracht von gesellschaftlichen Herausforderungen neue Orte und Formen der Begegnung und Kommunikation im öffentlichen Raum geschaffen werden können und wie diese aussehen könnten. Diese neuen »Sozialen Orte« gehen sogar über das Konzept von »Dritten Orten« hinaus und schaffen laut Prof. Dr. Claudia Neu Öffentlichkeit, begründen Gemeinwohl, knüpfen Netzwerke und ermöglichen neue Formen der Beteiligung – und festigen so lokale Demokratie und den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Besonders in Krisenzeiten bieten diese Orte eine Plattform zur Vernetzung und gegenseitigen Solidarität.

Auch im Kontext einer flexibler werdenden Gesellschaft, in der klassische familiäre Netzwerke der Unterstützung sowie traditionelle Orte der Begegnung wie Feste, Vereine, Kirchen oder Parteien an Bedeutung verlieren, braucht es neue niederschwellige Einrichtungen der Kommunikation und des Austauschs.

In einem der letzten Artikel haben wir einige Beispiele gezeigt, wie durch genossenschaftliche Trägerschaft Einrichtungen der Daseinsvorsorge gerettet werden. Auch Dorfstiftungen oder Dorfvereine übernehmen den letzten Laden und aufgegebene Wirtshäuser werden weiter als Treffpunkte genutzt oder wiederbelebt.

Wir stellen weitere Ansätze und aktuelle Formen von Räumen für ein gesellschaftliches Miteinander vor.

Multifunktionshäuser

Eine Reaktion auf die Zentralisierung von Versorgungseinrichtungen ist die Zusammenlegung verschiedener Nutzungskonzepte in sogenannten Multi- oder Mehrfunktionshäusern. Diese Art Dienstleistungszentren tragen zu einer Dezentralisierung und Sicherung der Daseinsvorsorge in kleinen und mittelgroßen Ortschaften bei. Häufig bestehen sie aus drei Säulen: den Kern bildet ein Lebensmittelgeschäft, das meist privat betrieben wird, dazu kommen öffentliche und private Dienstleistungen wie Gemeindebüro, Postagentur, Bankservice, Versicherungen oder Gesundheitsdienste. Nicht zuletzt werden diese Häuser als Treffpunkte für Veranstaltungen, Kurse, Klönabende oder Fortbildungen genutzt. Einkaufen vor Ort und sich dabei treffen wird somit wieder selbstverständlich. Häufig wird ein Mittagstisch angeboten, der u.a. von Schüler*innen genutzt werden kann, sowie Kultur- und Veranstaltungsangebote, Livemusik, Kunstausstellungen, Theater- und Spieleabende für alle Generationen. Grundsätzlich ist eine kreative Kombination aus unterschiedlichsten Nutzungsarten und Angeboten denkbar. Erfolgreiche Projekte sind beispielsweise die »MarktTreffs« in Schleswig-Holstein, die Inititaitve KOMM-IN in Baden-Württemberg sowie das DORV-Zentrum (»Zentrum für Dienstleistung und Ortsnahe Rundum Versorgung«) in Barmen.

Diese Zentren können eine Basis für die beschriebenen »Dritten Orten« bilden, an denen sich die Dorfgemeinschaft begegnet und die somit eine große Rolle für das soziale Miteinander im Dorf spielen.

Boom der CoWorking Spaces – die dritten Orte des 21. Jahrhunderts?

Das Konzept von CoWorking Spaces erlebt seit einigen Jahren einen Aufschwung in ländliche Gebieten. Durch die akttuelle Zunahme von Homeoffice und Remote Work in vielen Bereichen hat dieser Trend einen weiteren Anschub bekommen. CoWorking Spaces in Dörfern, Klein- und Mittelstädten können ebenso zu Orten der Vernetzung und gesellschaftlichen Mitgestaltung werden. Besonders durch die Kombination mit Zusatzangeboten wie einem Café (z.B. Workcafé), Kulturveranstaltungen oder anderen Events, wie beispielsweise Repair-Cafés, DIY-Veranstaltungen, Kleidertausch oder Zuzügler*innen-Treffen findet eine breitere Öffentlichkeit Zugang.

Förderprogramm »Dritte Orte – Häuser für Kultur und Begegnung im ländlichen Raum«

Mit dem Programm »Dritte Orte – Häuser für Kultur und Begegnung im ländlichen Raum« fördert das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen (MKW NRW) die Entwicklung von neuen und die Weiterentwicklung von bereits bestehenden Dritten Orten besonders in ländlichen Räumen. Bereits 17 Projekte und Kulturorte werden in der laufenden ersten Programmphase bei der Entwicklung von Konzepten für Dritte Orte gefördert. Für den Förderzeitraum 2021 bis 2023 wurde bis Mitte des Jahres die zweite Programmphase ausgeschrieben, mit der die konkrete Umsetzung der Konzepte im ländlichen Raum ermöglicht wird.

Gemeinwesenzentren – dritte Orte mit institutioneller Organisation

Sogenannte Gemeinwesenzentren können ebenso zu einem »Dritten Ort« werden, haben jedoch einen weniger informellen Charakter. Sie sind offene, multifunktionale Einrichtungen, die professionelle Projekt- , Bildungs- und Beratungsangebote mit niedrigschwelligen Angeboten wie Cafés, offenen Treffpunkten und Freiflächen verbinden. Das Ziel solcher Institutionen wie Nachbarschaftsheimen, Kinder- und Stadtteilläden, Familien- und Jugendzentren und anderen Soziokulturellen Zentren ist es, Austausch und Ausgleich zwischen unterschiedlichen sozialen Gruppen zu fördern und die die lokale Zivilgesellschaft zu stärken.

Mehrgenerationenhäuser
Als eine Form der Gemeinwesenzentren dienen Mehrgenerationenhäuser als »öffentliches Wohnzimmer« für alle Menschen unabhängig von Alter oder Herkunft. Sie sind niederschwellige offene Treffpunkte, in denen das generationsübergreifende Miteinander gelebt wird. Hier helfen Jüngere Älteren und umgekehrt. Nicht zu verwechseln ist dieses Konzept mit dem Mehrgenerationenwohnen. In Mehrgenerationenhäusern werden mit der Unterstützung von bundesweit 33.000 Ehrenamtlichen Freizeit- und Weiterbildungsangebote organisiert. Diese engagieren sich je nach Fähigkeit und Talent beispielsweise als Leihgroßeltern, geben Computer-Nachhilfe, veranstalten Deutschkurse oder stellen Theaterprojekte auf die Beine. Deutschlandweit nehmen ca. 540 Einrichtungen am Programm »Mehrgenerationenhaus« teil. Ein wichtiges Instrument der Mehrgenerationenhäuser ist der »Offene Treff«, ein Raum mit Café-Atmosphäre in dem man ins Gespräch kommen kann. Oft entstehen daraus neue Ideen für Projekte und Angebote, die je nach Bedarf oder Interesse gemeinsam entwickelt werden. (3)

Prof. Dr. Stephan Beetz und Andrea Gaede fordern in einem Artikel z.B., dass Gemeinwesenzentren »als selbstverständlicher Bestandteil kommunaler und staatlicher Infrastruktur zu begreifen [sind] – ebenso wie es medizinische Einrichtungen oder die Trinkwasserversorgung sind.« (4)

Denn unsere Gesellschaft ist auch auf kulturelle und soziale Infrastrukturen angewiesen. Sie bilden die Basis, um eine Kultur des sozialen Zusammenhalts und der Teilhabe zu ermöglichen. Nur so kann eine aktive Zivilgesellschaft entstehen, die sich in Krisen unterstützt und gemeinsam ein attraktives Lebensumfeld mitgestaltet. Besonders auf dem Land ist es deshalb wichtig, dass die verbleibenden bzw. neu geschaffenen Räume die Kultur und das Miteinander einer offenen Gesellschaft pflegen – nicht der Ausgrenzung oder Radikalisierung. Denn ländliche Räume haben bereits ein enormes Potenzial, auf das gebaut werden kann: die charakteristische Kultur des Tauschens, Teilens, Schenkens, der nachbarschaftlichen Unterstützung und das besonders intensive Engagements für die kreative Mitgestaltung des lokalen Geschehens und des eigenen Umfelds.

Quellen:

(1) WIEBICKE, JÜRGEN (2017): Zehn Regeln für Demokratie-Retter. eBook, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln,  [Jürgen Wiebicke, Pos. 271] 

(2) https://www.trafo-programm.de/1988_themen/2744_begegnungsorte/2782_soziale-orte-dynamische-prozesse

(3) https://mehrgenerationenhaeuser.de/mehrgenerationenhaeuser/was-ist-ein-mehrgenerationenhaus/

(4) https://www.trafo-programm.de/1988_themen/2744_begegnungsorte/2780_uber-die-idee-von-gemeinwesenzentren