Erzähl mir mehr! Die Wirkung positiver Beispiele in Veränderungsprozessen

Hast du schon gehört, im Nachbardorf gibt es jetzt…? 

Neulich habe ich im Fernsehen gesehen, wie eine Gemeinde eine Lösung für das Problem gefunden hat, das auch wir hier haben… 

Meine Tochter erzählte, bei ihr im Landkreis probieren sie jetzt ein neues Konzept aus, um…

Wenn Wortbeiträge so anfangen spitzt meist der ganze Raum die Ohren. Menschen lieben Geschichten, sie sind neugierig was andernorts passiert, welche Ideen und Lösungen andere verfolgen, überlegen ob sie das auch gerne bei sich im Ort hätten.

Geschichten unterhalten uns, es macht uns Spaß zu hören was andere Menschen tun, welche Ideen sie haben und welche Projekte erfolgreich sind. Doch das ist nur ein Grund, warum wir hier im Magazin darüber berichten und bewusst eine Vielzahl positiver Beispiele in unserem Beteiligungsformat einsetzen.

Beispiele inspirieren und erweitern den Vorstellungsraum

Geschichten des Gelingens eröffnen oft ungeahnte Möglichkeitsräume

Ein Teilnehmer in einem unserer Workshops meinte zu uns: “Vor dem Workshop hatte ich eigentlich keine Ideen, die kamen dann durch die Beispiele und die Diskussion mit anderen.” 

Diese Aussage bestätigte, wie wichtig es ist in Visionsentwicklungsprozessen auch Input von Außen zur Verfügung zu stellen und wie fruchtbar die Arbeit mit Beispielen sein kann. Positive Geschichten inspirieren, erweitern den Horizont und Denkraum. Sie veranschaulichen Möglichkeiten, zeigen unerwartete Handlungs- und Spielräume auf und führen die Gruppe in Teils utopische Gefilde und unterstützten dabei, Zielwissen zu erlangen.

Die von uns gesammelten Beispiele dienen als Inspiration, um eigene Lösungen zu entwickeln, die an die lokalen Bedarfe und Begebenheiten angepasst sind. Sie laden zum Nachahmen ein. Aber wir haben die Erfahrung gemacht, dass kaum ein Projekt eins zu eins kopiert wird. Jedes Dorf ist individuell und das schlägt sich auch in den Konzepten und Ideen nieder. Dann werden Elemente verschiedener Beispiele kombiniert oder einzelne Aspekte angepasst: Statt dem Sozialbier (bei dem pro verkaufter Flasche ein Betrag in soziale Projekte in der Region fließt) überlegte eine Dorfgemeinschaft, lieber einen Sozialapfelsaft zu entwickeln. In ihrem Ort gibt viele Apfelbäume und das Produkt passt besser zu ihrer Vision des kinderfreundlichen Dorfes. 

Positive Beispiele zeigen Lösungswege auf

Die Zukunft von Dörfern ist stark von externen Umfelddynamiken und gesellschaftlichen Entwicklungen beeinflusst. Auf der einen Seite ist der ländliche Raum divers und die Herausforderungen und Probleme sind individuell. Während ein Dorf mit Leerstand kämpft, kann es wenige Kilometer entfernt ganz anders aussehen. Andererseits sind viele Probleme strukturell bedingt, was dazu führt, dass viele ländlichen Gemeinden mit ähnlichen Herausforderungen konfrontiert sind. Zum Beispiel der Mangel an  Nahversorgungsangeboten, drohende Schulschließungen oder ein lückenhafter öffentlicher Personennahverkehr. Mancherorts wurden hierfür bereits Lösungen gefunden und innovative Projekte entwickelt. Sie zeigen Möglichkeiten, wie übertragbare Probleme angegangen werden können und vermitteln so wertvolles Transformationswissen.

Leitbilder und Visionen sind oft sehr abstrakt. Geschichten und Beispiele liefern Ideen, wie Visionen ganz handfest Wirklichkeit werden können. Sie zeigen, welche konkreten Schritte gegangen werden können, um abstrakte Ziele, wie die familienfreundliche Gemeinde, das innovative Dorf oder die resiliente Kommune, zu verwirklichen. Das hilft dabei, nicht beim Konjunktiv “man müsste”, “man könnte”, “man sollte” zu bleiben, sondern ins Handeln zu kommen.

Pionier*innen gibt es nicht nur bei Wanderrouten, auch bei der Entwicklung neuer Arten des Zusammenlebens spielen mutige Innovator*innen eine wichtige Rolle

Gelungene Beispiele motivieren

In vielen Dörfern machte sich in den letzten Jahrzehnten, angesichts der steten Verschlechterungen der Lebenssituation, ein Gefühl der Hilflosigkeit und Apathie breit. Das lähmte die Kraft der Dorfgemeinschaft (1) und trug zur schleichenden Akzeptanz des allmählichen Infrastrukturabbaus bei (2). Die vielen positiven Beispiele aus ländlichen Gemeinden zeigen jedoch auch, dass die Krise auch ein Ausgangspunkt für Engagement sein kann und auf einige Gemeinschaften auch aktivierend wirkt (3). 

Die Beispielprojekte zeigen, dass es in allen ländlichen Regionen Menschen gibt, die trotz aller Schwierigkeiten aktiv ihr Dorf gestalten und positive Veränderungen vorantreiben. Sie nutzen ihre Handlungsspielräume und entwickeln zukunftsfähige, ländliche Lebensstile. Die so genannten »Pionier*innen des Wandels« warten nicht auf die politischen Entscheidungen aus Bund und Ländern, sie fangen schon mal an.

Eine dynamische Gruppe die Tolles auf die Beine stellt, begeistert auch ihre Mitmenschen

Diese Geschichten weiter zu tragen kann auch anderen Dorfgemeinschaften helfen, das Ohnmachtsgefühl zu überwinden und selbst ihre Zukunft in die Hand zu nehmen. Denn: um Ideen umzusetzen braucht es Mut. Die Beispiele berichten von Gemeinschaften die den Mut und den Willen haben, neues auszuprobieren und sich abseits bereits erkundeter Pfade zu bewegen. Sie zeigen, dass es möglich ist auch ungewöhnliche und unkonventionelle Projektideen zu realisieren. Wir wollen durch das Weitererzählen positiver Beispiele zum Handeln motivieren.

“Diese [Vorbilder] zeigen die Wege in eine andere Wirklichkeit dadurch auf, dass sie sie praktizieren. Darüber lassen sich Geschichten erzählen, die zeigen, dass die andere Wirklichkeit nicht umsonst zu haben ist, aber trotzdem ein besseres Leben bereithält. Und letztlich braucht man anschauliche, nachahmenswerte Beispiele dafür, dass gelingendes Leben den Modus der Alternativlosigkeit nicht vorsieht, ja, dass es im Gegenteil im Ausprobieren von Alternativen besteht.”

(Welzer 2012)

Positive Beispiele und Geschichten des Gelingens machen ländliche »Pionier*innen des Wandels« sichtbar und dadurch gesellschaftlich und politisch wirksam. Sie helfen aktiv eine Veränderung der Lebensbedingungen im Dorf voranzutreiben, indem sie für Transformationsprozesse relevantes Wissen zur Verfügung stellen. Die Beispiele vermitteln Zielwissen und Transformationswissen in einem, da sie sowohl Optionen für mögliche Veränderungsrichtungen demonstrieren als auch konkrete Umsetzungsstrategien und Erfahrungen transportieren.

Auf über 100 Karten haben wir positive Beispiele für unsere Workshops aufbereitet

Eine Erfahrung die wir immer wieder machen: sobald unsere orangenen Beispielkarten mit den lebendigen Illustrationen auf dem Tisch liegen entsteht automatisch ein lebhafter Austausch. 

Sobald die Beispielkarten auf dem Tisch liegen wird fleißig gestöbert und entdeckt

“Hast du das schon gesehen? Das sollten wir auch machen.”
“Toll! Ich weiß auch schon wer das machen könnte, eigentlich ist alles im Ort vorhanden was wir brauchen.” 
“Guck mal, sowas in der Art haben wir bereits, da sind wir ja ganz vorne mit dabei.” 

Fast jede Dorfgemeinschaft hat noch eigene Geschichten und Projekte hinzuzufügen. So kann die Sammlung immer weiter wachsen und zu einem fruchtbaren Boden für weitere Ideen, Konzepte und Projekte werden.

Kennen Sie ein Projekt über das wir unbedingt einmal schreiben sollten oder es in unsere Beispiele-Sammlung aufnehmen? Dann schreiben Sie uns gerne.

Quellen:

(1) Henkel, G. (2014). Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute. Bonn: Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung

(2) Neu, C. (2016). Neue Ländlichkeit. Eine kritische Betrachtung. In: Aus Politik und Zeitgeschichte – Land und Ländlichkeit. 4-9

(3) Krambach, K. (2013). Dorfbewegung – warum und wie?. Berlin: Papers (Hg.: Rosa-Luxemburg-Stiftung)

(4) Welzer, H. (2012). Wiedergewinnung von Zukunft – Geschichten des Gelingens erzählen. Abgerufen von: https://www.bpb.de/162710/wiedergewinnung-von-zukunft (am 18.8.2020)