Gemeinsam im Heute das Morgen entwerfen – Strategien der Zukunftsgestaltung

»Menschliches Handeln ist in aller Regel auf die Zukunft ausgerichtet, und wo immer im Alltag etwas gefragt, probiert, geplant und entworfen wird, findet eine intuitive und naive Form von Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung statt« (Schüll 2009).

Vorstellungen von der Zukunft – sei es im privaten oder auch im beruflichen Umfeld – werden meist intuitiv entwickelt. Dieses reflexartige Vorgehen kann durch Methoden und Werkzeuge unterstützt und geleitet werden. Wir geben einen Einblick in unsere Herangehensweise bei der partizipativen Zukunftsgestaltung.

Vom Wissen zum Handeln

Um in einem Veränderungsprozess zielgerichtet zu handeln ist es notwendig, dass ein gewisses Maß an Wissen vorhanden ist, um die dementsprechenden richtungsweisenden Entscheidungen zu treffen. In der Theorie der Transdisziplinarität – also dem methodischen Vorgehen, wissenschaftliches Wissen und praktisches Wissen zu verbinden – werden im speziellen drei Arten von Wissen unterschieden, die in gesellschaftlichen Veränderungsprozessen relevant sind:

Systemwissen: Wissen darüber, was ist
In der Regionalentwicklung: Wissen über komplexe lebensweltliche Zusammenhänge und wie diese die Entwicklung des Ortes, des Landkreises oder der Region betreffen.                       

Zielwissen: Wissen darüber was sein und was nicht sein soll
In der Regionalentwicklung: Wissen über das Werteverständnis der Bevölkerung und ihren Vorstellungen davon, wie sie zukünftig im Ort leben möchte.

Transformationswissen: Wissen darüber, wie wir vom Ist- zum Soll-Zustand gelangen
In der Regionalentwicklung: Wissen darüber, wie sich die gemeinsamen Ziele umsetzen lassen.

In partizipativen Veränderungsprozessen ist es sinnvoll, sich diese drei Arten des Wissens gemeinsam zu erarbeiten.

Gegenwart verstehen, um Zukunft zu gestalten

In stürmischen Zeiten gilt es mehr denn je, das Umfeld zu betrachten und zu sehen, wie die Segel zu setzen sind. Hierfür ist es notwendig, die eigene Situation zu verstehen und aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten.

Bei der Entwicklung einer Zukunftsvision und damit einhergehenden Projekten ist es deshalb zunächst sinnvoll, Systemwissen zu generieren. Dabei gilt es, langfristige Trends und andere externe Einflüsse von vornherein zu berücksichtigen, um sicherzugehen, dass durch ihren Einbezug Lösungsansätze auch auf längere Sicht wirksam sind.

Wir arbeiten dabei mit sogenannten Trends und Megatrends. Als Trends werden dabei längerfristige Entwicklungen – gerichtete Veränderungen – bezeichnet, die eine statistisch erfassbare Grundtendenz aufweisen. 

Die oftmals weitreichenden Themen werden aufbereitet, zusammengefasst und der Grad an Komplexität reduziert. Dadurch kann auf niederschwellige Art Systemwissen über Zusammenhänge und Wechselwirkungen erlangt werden und die eigene Lebenswelt in Relation zu Umfelddynamiken gesetzt werden. Partizipation kann hier dazu beitragen, drängende Themen eines gesellschaftlichen Wandels ins gemeinsame Gespräch zu bringen und Haltungen auszuloten.

Das Arbeiten mit Trends und Megatrends soll bei der Entwicklung von Zukunftsvisionen die Berücksichtigung sich verändernder Rahmenbedingungen erleichtern.

Um eine Vertrautheit mit dem Zukünftigen zu erzeugen, ist es notwendig, gesellschaftliche Entwicklungen und Zusammenhänge, die die Zukunft beeinflussen, zu verstehen. Der Gedanke dahinter ist: Die Gegenwart verstehen, um Zukunft zu gestalten.

Ziele sind subjektiv

Der Entwurf wünschenswerter Zukunftsvorstellungen kann aber nie ohne Einbezug der »Betroffenen« geschehen. Das lokale Expertenwissen sowie die Diskussion über gemeinsame Ziele, Wünsche und Wertevorstellungen der ansässigen Bevölkerung ist essenziell. Zielwissen kann unserer Ansicht nach in der Regionalentwicklung nur partizipativ gewonnen werden.

Die Frage nach wünschenswerten Zukunftsvorstellungen, nach dem »guten Leben« vor Ort, kann nur maßgeblich durch die betroffenen, involvierten Akteur*innen beantwortet werden. Denn hierfür ist einerseits das lokale Wissen, andererseits das Wissen über die eigenen Bedürfnisse von essenzieller Bedeutung. Allein die Bewohner*innen selbst können in den Aushandlungsprozess über für sich selbst wünschenswerte Zukünfte treten.

Von anderen lernen

Meist muss das Rad nicht komplett neu erfunden werden. Transformationswissen, also wie die tatsächliche Umsetzung aussehen kann, kann durch das Einbeziehen von positiven und andernorts bereits erfolgreich umgesetzten Beispielprojekten erarbeitet werden. Indem sie Einblicke in bestehende Projekte gewähren, bieten sie Inspiration wie Antworten gefunden werden können. Gleichzeitig veranschaulichen diese Projekte konkrete Möglichkeiten und Handlungsspielräume. Da sie eine tatsächliche Realisierbarkeit verdeutlichen, können sie zur Motivation beitragen, selbst aktiv zu werden. Positive Beispiele vermitteln somit Transformationswissen indem sie konkrete Umsetzungsstrategien und Erfahrungen von »Pionier*innen des Wandels« transportieren.

Nachhaltig wirksame Strategien ganzheitlich denken

Systemwissen + Zielwissen + Transformationswissen
Systemwissen + Zielwissen + Transformationswissen © Isabella Tober

So erfolgt der Entwurf einer langfristig zielführenden Handlungsstrategie im besten Falle durch eine Kombination aus endogenem – im inneren erzeugtem Wissen, dem lokalen Erfahrungsschatz und den individuellen Bedürfnissen der am Prozess beteiligten sowie exogenem – von »außen« herangetragenem Wissen in Form von gesellschaftlichen Trends und positiven Beispielen.

Fachwissen und alltagspraktisches Wissen sowie Wertevorstellungen können so gewinnbringend miteinander verknüpft werden. Denn es wird immer deutlicher, dass die heutigen komplexen Herausforderungen nicht durch die isolierten Anstrengungen einzelner Disziplinen zu bewältigen sind. Hierfür ist eine transdisziplinäre Kollaboration von Forschung, Wirtschaft und Gesellschaft notwendig.

Quelle:

Schüll, E. (2009). Zur Forschungslogik explorativer und normativer Zukunftsforschung. In Popp, R., Schüll, E. (Hg.), Zukunftsforschung und Zukunftsgestaltung. 223-234. Berlin: Springer Verlag