Gemeinsam statt einsam – Gemeinschaftlich Wohnen auf dem Land

Das Leben und Wohnen auf dem Land hat viele Facetten. Heute dominiert oft das Bild vom klassischen Einfamilienhaus mit Garten in einer Neubausiedlung. Doch, was früher ganz normal war – das Leben mit mehreren Generationen auf einem Hof – scheint heute wieder mehr und mehr zum Trend zu werden. Da traditionelle gegenseitige Unterstützungsleistungen durch Familie und Verwandtschaft durch größere örtliche Distanzen abnehmen, steigt das Bedürfnis nach ferundschalftlichen und nachbarschaftlichen Unterstützungsnetzwerken.   

Viele Menschen machen sich jedoch Sorgen, keinen Anschluss zu finden, wenn sie aufs Land ziehen. Viele suchen deshalb gezielt als Gruppe nach einem Resthof oder starten gemeinsam ein Bauprojekt. Andere schließen sich lieber einer bestehenden Gemeinschaft an oder suchen nach mietbarem Wohnraum in Gemeinschaftsprojekten, um das Landleben erst einmal auf Zeit auszuprobieren.

In diesem Artikel stellen wir verschiedene Formen von gemeinschaftlichem Leben vor und verweisen auf Netzwerke und Onlineplattformen, die die Suche nach Wohnprojekten bzw. Gruppen erheblich erleichtern.

Vom Wandel der Wohnformen

Während sich im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts die Wohnhäuser und Wohnformen in den meisten Fällen noch nach den Anforderungen der landwirtschaftlichen Produktion, nach Langlebigkeit und Funktionalität, der Verfügbarkeit regionaler Baustoffe und der örtlichen Baukultur richteten, setzen sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Häuser nach dem Vorbild des englischen Landhausstils in den ländlichen Regionen Deutschlands durch. Dies waren Familienwohnhäuser mit anschließendem Garten, die Familien waren meist größer als heute und die Häuser dichter bewohnt. Mehrere Kinder teilten sich in der Regel ein Zimmer und häufig gab es noch Untermieter*innen. Es herrschte eine boomende Nachfrage nach Bauland, welches allerdings nicht immer in direktem Anschluss an den Ortskern zur Verfügung stand. Dies führte zu sogenannten Zersiedlungseffekten und Neubausiedlungen entstanden 500 Meter oder noch weiter vom Ortskern entfernt.

Veringenstadt Neubausiedlung Deutstetten 1953

Nach und nach veränderte sich die Architektur der Neubausiedlungen. Konnten die ersten Gebäude der Nachkriegszeit noch Ähnlichkeiten mit dem jeweiligen traditionellen Baustil aufweisen, folgten sie ab den 1960er Jahren vermehrt überregionalen und einheitlichen Trends, wie dem Bungalow-Stil, Flachdachbauten, imitierte Fachwerkgebäude, postmoderne und teilweise klassizistische Formen mit Eingangsportalen und Säulen. Zudem ist die Grundstücksgröße mit den Jahren tendenziell kleiner geworden. Anfang der 1950er Jahre waren noch Größen von 1500 bis 2000 Quadratmeter die Regel. Die Gärten dienten größtenteils der Selbstversorgung nach dem Vorbild einer Kleinstlandwirtschaft und besaßen oft kleine Ställe für wenige Schweine und Hühner. Diese Gärten wurden intensiv bepflanzt und im Sommer und Herbst wurden Lebensmittel eingemacht. Im Laufe der Zeit wurden die Grundstücksgrößen immer kleiner und haben heute meist eine Größe von 600 bis 800 Quadratmeter. Der Wandel der Lebensstile im Zuge der fortschreitenden Individualisierung wird so auch in der Bauweise mit städtischem bzw. vorstädtischem Vorbild deutlich. (1)

Eine besondere Entwicklung gab es in der DDR. Hier wurden die industrieähnlichen landwirt- schaftlichen Produktionsgenossenschaften (Agrarindustrie mit modernen Großstallanlagen) und Hochhäuser für Landarbeiter in den Dörfern errichtet. Diese kompakten Wohnsiedlungen mit bis zu 5-geschossigen »Hochhäusern« prägen bis heute das Erscheinungsbild vieler Dörfer.

Eine vielfältige Gesellschaft hat neue Wohnbedürfnisse

Doch die Gesellschaft entwickelt sich weiter – heute werden immer vielfältigere Bedürfnisse an Wohnraum gestellt. Lange definierte die klassische Zweieltern-Familie die Charakteristika des Wohnungsbau. Lebensmodelle werden jedoch immer individueller und kulturelle Milieus werden ausdifferenzierter, so dass sich das Spektrum der Nachfrage zugunsten von kinderlosen Paaren, älteren Menschen, Alleinerziehenden, Singles und Wohngruppen verschiebt.

Außerdem ist eine zunehmende Singularisierung – sei es durch Alleinbleiben oder die Auflösung von Lebenspartnerschaften und Scheidungen – in allen Altersgruppen zu verzeichnen. Dies wird in einer steigenden Zahl an Single-Haushalten deutlich. (2)

Doch viele Menschen suchen heute wieder die Gemeinschaft. Gemeinsam wohnen, direktere soziale Beziehungen, sich gegenseitig unterstützen, Ressourcen und Know-How teilen, tauschen, mehr selbermachen  – diese Vision eines anderen Miteinanders zieht mehr und mehr Menschen an.

Gemeinschaftsprojekte

Für gemeinschaftliche Wohnprojekte aller Art gibt es zahlreiche Plattformen – manche für ganz Deutschland, manche für bestimmte Regionen, teils sogar mit mit Matching-System. Bei diesen Projekten geht es vor allem um ein lebendiges Miteinander – oft mit mehreren Generationen. Junge Familien, Alleinerziehende, »Emty Nester« – Eltern, deren Kinder aus dem Haus sind, kinderlose Paare und Alleinstehende aller Altersgruppen wohnen als Gemeinschaft zusammen. Man verbringt Zeit zusammen und unterstützt sich gegenseitig. Es gibt unterschiedlichste Konzepte, in denen mehr oder weniger Alltag geteilt wird. Von der großen WG mit Gemeinschaftsräumen, privaten Zimmern und vielen gemeinsamen Aktivitäten bis hin zum Mehrfamilienhaus mit aktiver Nachbarschaftshilfe – Hauptsache es passt für die Bewohner*innen.

Eine Vielzahl an Onlineplattformen hilft dabei, geeignete Projekte zu finden bzw. sich mit Gleichgesinnten zur Gründung von Projekten zu vernetzen:

https://neues-wohnen-nds.de/

http://verein.fgw-ev.de/projektboerse.html  & http://fgw-ev.de/

https://www.neue-wohnformen.de/

https://www.wohnprojekte.org/index.html

https://www.bring-together.de

https://msagd.rlp.de/de/unsere-themen/wohnen/gemeinschaftliches-wohnen/

https://www.wohnprojekte-portal.de/projektsuche/

https://gemeinschaft-im-wendland.de/marktplatz/angebote/

https://www.cohousing-berlin.de/de/projekte

https://www.globales-dorf.de/

Gemeinschaft im Alter

Mit dem Thema Altwerden auf dem Land haben wir uns schon einmal in einem Artikel beschäftigt. Das gemeinschaftliche Wohnen bietet auch für Ältere viele Vorteile: Man kann sich im Alltag unterstützen, sich die Haushaltsarbeit teilen, das Sozialleben durch gemeinsame Aktivitäten und Ausflüge bereichern und seinen Freundes- und Bekanntenkreis erweitern.

Einige Online-Plattformen unterstützt dabei, Mitbewohner*innen für Wohn- bzw. Hausgemeinschaften für Menschen ab 50 und Mehrgenerationen-Wohnprojekte sowie Wohnen für Hilfe zu finden.

https://wohnenab50.de/

https://www.50plus-ist-fabelhaft.de/wohnen.php

Menschen über 80 Jahren, leben heute oftmals alleine in großen Häusern, die früher mit dem Partner oder der Partnerin und dem Kind bzw. den Kindern bewohnt wurden. Dabei wird es für viele immer schwieriger den Aufgaben des Haushalts und der Instandhaltung der Immobilie gerecht zu werden. Dieser zunehmenden Vereinzelung stehen immer mehr Konzepte zu gemeinschaftlichem Wohnen im Alter entgegen. Dafür spricht auch, dass bei kommenden älteren Generationen – geprägt durch flexiblere Lebensformen – die Hürden für einen Wohnungswechsel sinken. Hier entstehen neben Wohnprojekten in Form von Mehrgenerationenhäusern oder Senioren-WGs auch ganze Seniorendörfer. Dabei soll es allerdings nicht um Abschottung gehen. Viele Wohnprojekte sind gezielt im Ortskern angesiedelt, um eine Inklusion ins Dorfleben und soziale Teilhabe zu fördern. Denn Lebendigkeit entsteht vor allem durch Frequenz und Durchmischung.

Eine Übersicht zu möglichen Wohnkonzepten für Menschen im hohen Alter ist z.B. hier zu finden:

https://www.mobil-bleiben.de/mobil-zu-hause/wohnkonzepte/gemeinschaftliche-wohnprojekte

Ökodörfer   

In Deutschland gibt es eine ganz Menge, meist kleinere Dörfer bzw. große Lebensgemeinschaften, die sich als Ökodörfer bezeichnen. Ein Ökodorf kann von einer Hand voll bis einige Hundert Bewohner*innen haben. Grundsätzlich handelt es sich dabei um solidarische Gemeinschaften die die Ziele der ökologischen, kulturellen, ökonomischen und sozialen Nachhaltigkeit verwirklichen wollen. Bekannte Beispiele sind das Ökodorf Schloss Tempelhof in Kreßberg im nördlichen Baden-Württemberg und das Ökodorf Sieben Linden in der Altmark. Letzteres ist seit 2006 ein offiziell anerkanntes Projekt der UN-Dekade »Bildung für nachhaltige Entwicklung«.

Das Global Ecovillage Network (GEN) ist der Dachverband von Ökodörfern und Gemeinschaften weltweit und betreibt Netzwerk- und Bildungsarbeit. Auf dessen Seiten sind viele weiterführende Informationen zu finden:

https://gen-deutschland.de/ & https://gen-deutschland.de/wer-wir-sind/ (Karte unten)

https://gen-europe.org/

https://ecovillage.org/

https://eurotopia.de/

Ökodorf Sieben Linden hinter den Jurten des Landschaftskunstwerks »Globolo«

Kreativorte & CoLiving

Im Moment entsteht eine große Zahl von ländlichen »Kreativorten« oder auch »Zukunftsorten«, die im Kontext der CoWorking-Bewegung die Vorteile des digitalen, dezentralen und flexiblen Arbeitens mit den Vorzügen des Landlebens und einem Leben in gemeinschaftlichen Strukturen verbinden. Wohnen und Arbeiten rücken in diesem Falle durch die Digitalisierung örtlich wieder näher zusammen – das Modell wird Neudeutsch als CoLiving bezeichnet. Oft werden alte leerstehende Gebäude wiederbelebt, die als attraktiver Möglichkeits- und Gestaltungsraum gesehen werden. Bestehende, alte Bausubstanz wird einer vollkommen neuen Nutzung zugeführt. Es entsehen beispielsweise gemeinsam genutzte Büroräume (CoWorking-Spaces) oder auch digitale Werkstätten wie Fablabs und natürlich Wohnraum. Dabei werden auch flexible Wohnformen, beispielsweise in Tiny Houses, populärer.

Das Netzwerk Zukunftsorte unterstützt beim Aufbau solcher Orte und macht zum anderen auf folgenden Onlineplattformen bestehende Projekte oder solche, die Mitstreiter*innen suchen, sichtbar:

https://kreativorte-mitteldeutschland.de/mitmachen/

https://www.kreativorte-brandenburg.de/

Die Beweggründe für ein gemeinschaftliches Leben auf dem Land sind sehr vielfältig. Oft steht das Streben nach einer ökologischeren und solidarischeren Lebensweise im Mittelpunkt. Näher an der Natur leben, andere unterstützen, in schwierigen Zeiten selbst aufgefangen werden in einem engen sozialen Netz – nicht nur im Alter. Auch für die eigenen Kinder wünschen sich Eltern immer häufiger mehr als ein bis zwei enge Bezugspersonen. Der Trend zu mehr Gemeinschaft ist in vielen Bereichen erkennbar und vielleicht prägt er das Wohnen der Zukunft (nicht nur auf dem Land) mehr, als wir noch aktuell vermuten.

Quellen:

(1) Henkel, G. (2014). Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute. Bonn: Lizen- zausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung

(2) Rohr-Zänker, R. (2014). Wohnungsmärkte im Wandel. https://www.wegweiser-kommune. de/documents/10184/16915/Wohnungsm%C3%A4rkte+im+Wandel.pdf/cd28178f-154b- 4d39-b8d6-039318f433a6 (zuletzt abgerufen am 16.02.2019)