Genossenschaften auf dem Land – aktueller Trend mit langer Tradition

Der Übergang zu zeitgemäßen und zukunftsfähigen Formen des Wirtschaftens ist so mühsam wie notwendig. Einen Konzept aus dem 19. Jahrhundert erfährt in dem Kontext aktuell eine Renaissance: das Genossenschaftsmodell. 2012 war das internationale Jahr der Genossenschaften, 2017 wurde die Genossenschaftsidee sogar offiziell von der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe anerkannt. Auch für ländliche Räume bieten Genossenschaften als solidarische und krisenfeste Unternehmensform vielerlei Möglichkeiten.

Genossenschaften auf dem Land haben Tradition

Seit ihrer Entstehung spielen Genossenschaften im Allgemeinen eine wichtige Rolle auf dem Land. 1930 gab es in der Deutschen Republik ca. 40 000 ländliche Genossenschaften. Jedes mittelgroße Dorf hatte eine eigene Spar- und Darlehenskasse sowie eine Warengenossenschaft, kurz »die Genossenschaft«.

In der BRD erfuhren Kredit- und Warengenossenschaften in der Wirtschaftswunder-Phase (1950er und 1960er) vorerst einen Aufschwung: Spar- und Darlehenskassen blühten auf und wurden zu modernen Banken. Auch die ländlichen Bezugs- und Absatzgenossenschaften durchliefen eine positive Entwicklung, errichteten größere Gebäude und übernahmen neue Aufgabenfelder. Neben dem Bezug von Betriebsmitteln und dem Absatz von landwirtschaftlichen Produkten kamen vielerorts auch Brennstoffe (Kohlen, Heizöl, Diesel) dazu, später Baustoffe und dann ein immer breiterer Garten- und Hobbymarkt. Vor allem die dörflichen Warengenossenschaften mussten nun allerdings auch nach modernen Kostenkriterien wirtschaften. In der Folge wurden die meisten aus ökonomischen Gründen aufgegeben oder zentralisiert. Die verbliebenen ländlichen Warengenossenschaften, die »Raiffeisenmärkte«, haben bis heute ein breites und hochwertiges Angebot. Darüberhinaus ist ein großer Teil der deutschen Landwirt*innen heute in sogenannten Maschinenringen organisiert, die die Organisation der gemeinschaftlichen Nutzung von Land- und Forstmaschinen erleichtern.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der DDR die bestehenden Genossenschaften auf freiwilliger Basis bald aufgelöst und die Bauern ab 1952 in die unfreiwilligen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) überführt. LPGen und Volkseigenes Gut, also Landwirtschaftsbetriebe in staatlichem Eigentum, übernahmen in den Dörfern viele Aufgaben, die vorher der Kommunalpolitik zugeordnet wurden: Infrastrukturmaßnahmen wie Straßenbau, Wasserversorgung oder Abwasserbeseitigung, Betrieb von Sozialeinrichtungen, Gaststätten, Kulturhäusern, Freibädern, Erholungseinrichtungen, Kinderkrippen sowie die Sicherung der Altenbetreuung und ärztlichen Versorgung. Sie boten Arbeitsplätze und es gab eigene Baubrigaden, die Gebäude und Wohnungen der Betriebsangehörigen instand hielten. Die Kantinen sorgten oftmals zusätzlich für Kindergarten- und Schulspeisung. Allerdings verursachten die landwirtschaftlichen Großbetriebe allerlei Umweltschäden, beispielsweise durch Überdüngung, ungeklärte Abwässer und Folgen der Massentierhaltung.(1)Nach der Wende wurden die LPGen umgewandelt und die Treuhand mit der Reorganisation des volkseigenen Vermögens und der Verwertung der Grundstücke in der Land- und Forstwirtschaft beauftragt. Die umstrittenen LPG-Umwandlungen, bestehende Rechtsunsicherheiten und die notwendigen Umstrukturierungen stellten die ländliche Bevölkerung dabei vor vielerlei Herausforderungen. Produktions- und Beschäftigungszahlen in der ostdeutschen Landwirtschaft sanken nach der Wiedervereinigung drastisch.(2)

Gesetzesänderung begünstigt die Gründung von Genossenschaften

Die Bedeutung von Genossenschaften auf dem Land ist heute deutlich geringer, doch aktuell erfahren sie in einigen Bereichen eine Renaissance. Von 2005 bis 2016, wurden in Deutschland insgesamt 2648 neue Genossenschaften gegründet (3). Allgemein ist in der Arbeitswelt und vor allem unter dem Stichwort »New Work« ein Trend zu mehr Kooperation zu beobachten. Verantwortlich für eine neue Beliebtheit und die hohe Zahl an Neugründungen von Genossenschaften ist aber vor allem auch die Novellierung des Genossenschaftsgesetzes 2006. Diese brachte einige Veränderungen: Seither dürfen Genossenschaften neben wirtschaftlichen auch soziale oder kulturelle Zwecke bedienen –  was die Gründung von Sozial- und Kulturgenossenschaften mit der eG-Rechtsform ermöglicht. Zudem wurden die Gründung und Prüfung erleichtert: Die Mindestanzahl der Gründungsmitglieder wurde von sieben auf drei gesenkt und Kleinstgenossenschaften wurden von der Jahresabschlussprüfung befreit. So wurde die Gründung erheblich erleichtert und die Hürden für kleinere Genossenschaften gesenkt.(4)

Wir stellen drei Beispiele vor, wie Genossenschaften aktuell den Weg zu mehr Teilhabe und Mitgestaltung von ökologisch nachhaltigen Wirtschaftsformen in ländlichen Räumen bereiten. Der Fokus in diesem Artikel liegt auf den Bereichen Flächennutzung und Energieversorgung – nächste Woche widmen wir uns der Rolle von Bürgergenossenschaften in der regionalen Daseinsvorsorge.

Wirtschaftlichkeit und sozial-ökologische Verantwortung zusammengedacht – Boom der Energiegenossenschaften

Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) setzte einen weiteren Impuls: Seit Anfang der 2000er setzte mit der festen Einspeisevergütung für Energie aus erneuerbaren Quellen ein Boom in der Gründung von Energiegenossenschaften ein – um die 1000 Neugründungen wurden verzeichnet. Ziel dieser Genossenschaften ist die dezentrale, konzernunabhängige und ökologische Energiegewinnung. Durch diese Form der Beteiligung nutzen Bürger*innen die Möglichkeit, auf kommunaler oder regionaler Ebene aktiv an der Energiewende mitzuwirken. Neben der sozialen und umweltpolitischen Ausrichtung spielen auch die Stärkung der regionalen Wertschöpfung und die Schaffung neuer Anlage- und Investitionsmöglichkeiten, die der Region und ihren Bewohner*innen direkt zugute kommen, eine wichtige Rolle. Meist wachsen die Projekte mit der Zeit und auf Photovoltaikanlagen folgen regionale Stromtarife, Energieeffizienzprojekte, der Betrieb von Nahwärmenetzen oder E-Carsharing. Auch der regionale Zusammenhalt und die Identifikation mit der Region werden durch das gemeinsame Handeln gestärkt. Durch Transparenz in Planung und Finanzierung werden zudem Widerstände gegenüber neuen Energieprojekten abgebaut.(5)

Seit 2014 – mit den jüngsten Neufassung des EEG– nimmt die Dynamik jedoch ab. Die Ausschreibungsmodalitäten haben sich zum Nachteil für kleinere Anbieter verändert.

Aktuell werden nun Modelle weiterentwickelt, um Erzeugung und Verbrauch möglichst nahe zusammenzubringen. Beispielsweise können Dachflächen von kommunalen Einrichtungen gepachtet werden, um sie mit Solaranlagen auszustatten und den erzeugten Strom direkt an die Gebäudenutzer*innen – wie große Behörden oder Schulen – zu liefern. Der Strom vom Dach ist zum einen günstiger als der Strom vom Energieversorger und die Energiegenossenschaft kann zum anderen einen höheren Abnahmepreis erzielen, als durch die Einspeisung ins Netz. So wird zudem das Leitungsnetz weniger beansprucht und weniger Netzausbau nötig.(6)

Bürgerwindrad der Energiegenossenschaft Starkenburg (seit 10.12.2011 am Netz), Bild: Micha Jost

Nachhaltige Entwicklung durch kollektives Eigentum – »Ackerland in Bürgerhand«

Nicht nur die Energiewende kann durch Bürgergenossenschaften angetrieben werden – auch die ökologische Landwirtschaft kann gemeinsam gefördert werden. Einige Genossenschaften wie die Kulturland e.G. oder die BioBoden Genosssenschaft haben es sich zum Ziel gesetzt, landwirtschaftliche Flächen für eine ökologischere Bewirtschaftung zu sichern. Agrarflächen sind nicht selten Spekulationsobjekte. Die Genossenschaftsmodelle ermöglichen es, durch Vergemeinschaftung diese Böden der Spekulation zu entziehen und gezielt der ökologisch nachhaltigen Nutzung zuzuführen.

Sie wollen die Interessen der Allgemeinheit statt die einzelner Investor*innen in den Mittelpunkt stellen. Mit Hilfe von Anteilen der Genossenschaftsmitglieder kaufen sie landwirtschaftliche Flächen und verpachten sie an regional eingebundene Biobetriebe. So wird die agrarindustrielle oder spekulative Nutzung verhindert und die ökologische Landwirtschaft gefördert. Ein weiterer wichtiger Vorteil: So kann landwirtschaftlichen Existenzgründer*innen ein leichterer Zugang zu Agrarland ermöglicht werden.

Ökologischer Waldumbau und Erholungsgebiet für alle – Bürger-Waldgenossenschaft Remscheid

Ein deutschlandweit einzigartiges Beispiel ist die Waldgenossenschaft in Remscheid. Auch öffentlicher Wald wird häufig an private Investor*innen verkauft, bei denen der Profit im Vordergrund steht. Um der Abholzung großer Flächen vorzubeugen und vor allem den Wald als regionales Erholungsgebiet zu erhalten, haben Bürger*innen und Bürger 2013 eine Waldgenossenschaft gegründet. Mit einem Mindestbeitrag von 500€ oder das Einbringen eines eigenen Waldstücks kann man Mitglied der Genossenschaft und somit Waldbesitzer*in werden. Bereits 218 Mitglieder hatte die Genossenschaft Anfang 2019, nur die Hälfte wohnt in Remscheid – der Rest ist über ganz Deutschland verteilt.

Ziel ist der Erhalt eines ökologisch wertvollen Waldes und seine Bedeutung für möglichst viele Menschen erlebbar zu machen. So eröffnet sich beispielsweise die Möglichkeit Waldflächen als echten Bürgerwald multifunktional zu nutzen und ökologisch verträglich zu bewirtschaften. Die Bewirtschaftung übernimmt der städtische Forstbetrieb. Vielen Waldbesitzer*innen kommt das entgegen – sie können sich zeit – oder altersbedingt nicht um ihren Wald kümmern. Mit dem Gewinn werden neue Waldstücke erworben. Einige Flächen bleiben allerdings unberührt und bieten wertvollen Lebensraum für Tiere und Pflanzen. So sollen bis zu zehn Prozent des Genossenschaftswaldes ine einer Art Mini-Nationalpark verwandelt werden.(7)

Die Beispiele machen deutlich – durch das kollektive Handeln kann eine nachhaltige Entwicklung stark vorangetrieben werden und das Interesse der lokalen Bevölkerung in den Mittelpunkt gestellt werden. Zusätzlich wird oftmals die lokale Wirtschaft und der soziale Zusammenhalt gestärkt. Diese Potenziale machen Genossenschaften zu einem Zukunftsmodell für verantwortungsvolles und gemeinwohlorientiertes Wirtschaften.

Wald als Erholungsgebiet in Bürgerhand, Bild: Rosa-Maria Rinkel

Wir bleiben beim Thema: Nächste Woche werfen wir einen Blick auf die Rolle von Bürgergenossenschaften in der ländlichen Daseinsvorsorge, die aktuellen Potenziale von genossenschaftlichen Lösungsansätzen für Dorfläden, Kultureinrichtungen, Gaststätten oder Schwimmbäder und beleuchten deren Chancen und Grenzen.

Quellen:

(1) Henkel, Gerhard (2014): Das Dorf: Landleben in Deutschland – gestern und heute. Bonn: Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung

(2) https://deutsche-einheit-1990.de/ministerien/melf/lw-struktur/

(3) https://www.agrar.hu-berlin.de/de/institut/departments/daoe/koopwiss/mitarbeiter/thuerling_marleen_2018_gemeinwohl_liegt_im_trend.pdf

(4) https://de.wikipedia.org/wiki/Genossenschaftsgesetz_(Deutschland)

(5) https://mueef.rlp.de/fileadmin/mulewf/Publikationen/Mehr_Klimaschutz_durch_Teilhabe.pdf

(6) https://bizz-energy.com/genossenschaften-werden-auch-elektromobil

(7) https://www.deutschlandfunk.de/remscheider-wald-genossenschaft-erholungsgebiet-in.697.de.html?dram:article_id=444326