Gesundheitliche Versorgung neu denken – Fünf Lösungsansätze für ländliche Regionen

Wagen wir zunächst einen Blick zurück: Auf dem Land begann sich um 1850 eine öffentliche Krankenversorgung und -pflege zu entwickeln. Damals wurden in Kleinstädten und Dörfern die ersten Krankenhäuser errichtet. Diese wurden ursprünglich meist von kirchlichen (Frauen-)Orden getragen. In den 1960ern und 1970ern wurden allerdings die meisten dieser ländlichen Krankenhäuser geschlossen, während Kliniken in den Mittel- und Oberzentren wuchsen und modernisiert wurden. Viele dieser ehemaligen ländlichen Krankenhausbauten konnten einer sinnvollen Weiternutzung als Altenpflegeheime zugeführt werden. Im Normalfall sind heute in jedem Dorf ab 1500 Einwohner*innen Allgemein- sowie Zahnärzt*innen und Apotheken angesiedelt (Henkel 2014).

Durch eine mobilere Gesellschaft und die freie Arztwahl hat sich die zentrale Bedeutung des klassischen »Landarztes« reduziert. Jedoch vor allem in dünn besiedelten Gebieten ist die medizinische Versorgung oftmals verbesserungswürdig. Zudem führt das steigende Durchschnittsalter der Bevölkerung zu einer steigenden Nachfrage nach medizinischen Dienstleistungen und Pflegedienstleistungen. Durch die »doppelte Alterung« von Patient*innen und Hausärzten*innen, die aus Altersgründen ihre Praxen aufgeben, stellt die Sicherung der medizinischen Versorgung in vielen ländlichen Regionen zukünftig eine große Herausforderung dar.

Wir stellen einige Beispiele vor, wie bereits heute auf verschiedene Art und Weise mit dieser Herausforderung umgegangen wird.

1. Die Landarztquote

Ein Ansatz, der bereits weithin bekannt ist, ist die sogenannte »Landarztquote«. In den meisten Bundesländern wurde mittlerweile eine solche Quote eingeführt. In diesem Modell verpflichten sich die Teilnehmer*innen nach Studium und Ausbildung ihre ärztliche Tätigkeit für eine gewisse Zeit – beispielsweise 10 Jahre – in Regionen, die medizinisch unterversorgt oder von einer Unterversorgung bedroht sind, auszuüben. Ein bestimmter Prozentsatz der Medizinstudienplätze werden für diese Bewerber*innen reserviert. Außerdem werden die Zugangsbeschränkungen verändert. Voraussetzung ist nicht mehr das Einser-Abitur, im Vordergrund stehen persönliche und fachliche Qualifikationen wie Berufsausbildungen oder -tätigkeiten sowie ehrenamtliches Engagement. 

Durch die Landarztquote sollen sich mehr junge Ärztinnen und Ärzte auf dem Land ansiedeln.

2. Hausarzt-Akademie Hersfeld-Rotenburg

Für die Sicherung der medizinischen Versorgung, angesichts vieler Ärzt*innen die in den nächsten Jahren in den geplanten Ruhestand gehen, hat der Landkreis Hersfeld-Rotenburg eine spezielle Hausarzt-Akademie eingerichtet.

Diese begleitet und fördert den medizinischen Nachwuchs auf ihrem Weg zur Allgemeinärztin bzw. zum Allgemeinarzt in der Region. In Kooperation mit dem Klinikum Bad Hersfeld, dem Herz- und Kreislaufzentrum Rotenburg, dem KKH Rotenburg und den niedergelassenen Ärzten werden Weiterbildungen und Mentorenprogramme angeboten sowie Praktika vermittelt. Durch Patenschaften nach dem Motto „Senior- und Juniorpartner zusammenführen“ wird gezielt bei der Übernahme einer Praxis unterstützt.

3. Die Gemeindeschwester

In Gemeinden, in denen nicht genug Fachärzte und -ärztinnen für Allgemeinmedizin zur Verfügung stehen, kann der Beruf der sogenannten »Gemeindeschwester« Versorgungslücken schließen und wiederbelebt werden.

Diese Arbeitsteilung zwischen Arzt und einer qualifizierten Gemeindeschwester ergibt auf dem Land viel Sinn. Die extra ausgebildete, ärztliche Hilfskraft ist im Landkreis unterwegs und behandelt vor allem ältere Patient*innen, die nicht mehr gut mobil sind. Zum Beispiel werden Wunden versorgt, Blut abgenommen oder EKGs durchgeführt. Die medizinische Hilfskraft ist meist ein*e Mitarbeiter*in der Hausarztpraxis und steht im engen Austausch mit dem Arzt bzw. der Ärztin, die währenddessen die normalen Sprechstunden in der Praxis durchführt.

In den Programmen Gemeindeschwester 2.0 in Hessen und Gemeindeschwester Plus in Rheinland-Pfalz wird die menschliche Gesundheit ganzheitlicher betrachtet und das Versorgungsangebot neben der gesundheitlichen um die psychosoziale Betreuung erweitert. Vor allem ältere Menschen benötigen oft mehr als eine reine medizinische Behandlung, wenn neben körperlichen und seelischen Beschwerden auch die Notwendigkeit von Unterstützung im Alltag hinzu kommt. Hierfür wurden präventive und gesundheitsfördernde Beratungs- und Vernetzungsangebote entwickelt. In Hessen ist es im Rahmen des Förderprojektes auch möglich, Sozialarbeiter*innen anzustellen. Diese geben in Abstimmung mit den Betroffenen die lokalen Bedarfe an die örtlichen Altenhilfestrukturen weiter, können Unterstützungsleistungen anregen und koordinieren.

4. Innovativer Transportdienst Sozio-Med-Mobil

Auch das bereits im Artikel Lebensabend im Dorf – Wunschbild und Herausforderung zugleich beschriebene Beispiel des Sozio-Med-Mobils bietet einen innovativen Lösungsansatz zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung in ländlichen Räumen.

Das Angebot richtet sich nicht nur an die ältere Generation, es geht auch um die generelle Anbindung von hilfebedürftigen Personen wie chronisch Kranken, von Armut betroffenen Menschen, Menschen mit Behinderung und Geflüchteten im ländlichen Raum an das Gesundheitssystem. Zudem spielt die Stärkung der sozialen Infrastruktur dieser Personen eine wichtige Rolle. Zum einen tragen die Begegnungen im Sozio-Med-Mobil dazu bei, zum anderen wurde ein Kümmerer*innen-Netzwerk u.a. aus Studierenden und Rentner*innen im jeweiligen Ort aufgebaut.

Das Modell wurde erfolgreich in Niedersachsen in den 33 Dörfern der Samtgemeinde Elm-Asse pilotiert. Mittlerweile bringt das Sozio-Med-Mobil dort über 200 Menschen regelmäßig zu Fachärzt*innen und Gesundheitsdienstleister*innen in den regionalen Ballungszentren. Nun wird das Konzept auf weitere Regionen übertragen.

5. Telemedizin

Nicht zuletzt werden große Hoffnungen auf eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung durch Telemedizin gesetzt. Die Telemedizin bietet die Chance, dass Patient*innen bei Beschwerden nicht in jedem Fall persönlich in die Praxis kommen müssen. Medizinische Leistungen in den Bereichen Diagnostik, Therapie und Rehabilitation werden vor allem in Videosprechstunden über räumliche Entfernungen erbracht. Seit 2017 ist die Videosprechstunde zugelassen. So werden vermeidbare Wege und Wartezeiten eingespart. In Zeiten von Corona kommt der Einsatz von Telemedizin nun stärker in Schwung – beitet sie doch mehr Sicherheit, da Hotspots wie Wartezimmer vermieden werden können.

Die Fernbehandlung kann sowohl im hausärztlichen Bereich als auch bei Fachbehandlungen, wie z.B. der ambulanten Psychotherapie, sinnvolle Lösungen bieten und Versorgungslücken in strukturschwachen Regionen füllen.

Behandlungsgespräche können zukünftig auch online stattfinden.

Auch das sogenannte Telemonitoring kann helfen. Dabei übermitteln Menschen mit chronischen Krankheiten relevante Messdaten an ihren Arzt oder ihre Ärztin. Die Telemonitoring-Messgeräte können zudem an die regelmäßige Messung oder auch Einnahme von Medikamenten erinnern und bei kritischen Ergebnissen einen Alarm aussenden.

Die verschiedenen Lösungsansätze können in Zukunft auch ineinandergreifen: Es bietet sich beispielsweise an, die Kommunikation zwischen Gemeindeschwester und Arzt oder Ärztin durch Telemedizin zu unterstützen. So kann der Arzt oder die Ärztin beim Hausbesuch virtuell dabei sein, ohne lange Strecken im Auto zu sitzen.

Die große Herausforderung in diesem Bereich ist die Umstellung auf digitale Anwendungen seitens der Mediziner*innen und der richtige Umgang der Bürgerinnen und Bürger mit dem neuen telemedizinischen Angebot.

Ein Modell, das auf diesem Weg begleiten könnte und bereits in Schleswig-Holstein angewandt wird, ist die Zusammenarbeit von Allgemeinmediziner*innen und Fachärzt*innen über Telemedizin. Die Patient*innen können hier in ihrer Hausarztpraxis per Videotelefonie eine*n Facharzt zur Konsultation hinzuziehen.

Die verschiedenen Beispiele zeigen, dass es bereits einige Ansätze auf unterschiedlichen Ebenen gibt, die es unbedingt gilt, weiterzuentwickeln und in die regelmäßige Anwendung zu bringen. Was bereits heute deutlich wird – persönlicher Kontakt, die Stärkung sozialer Kontakte und eine ganzheitliche gesundheitliche Förderung müssen in allen Modellen mitgedacht werden.

Quellen:

Henkel, G. (2014). Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute. Bonn: Lizen- zausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung

https://www.lzg.nrw.de/lag/

http://www.hausarztakademie-hersfeld-rotenburg.de/

https://landhatzukunft.hessen.de/gesundheit/versorgung/hausaerztinnen-und-hausaerzte-sowie-kommunen-koennen-jetzt-antrag-stellen

https://msagd.rlp.de/ar/unsere-themen/aeltere-menschen/gemeindeschwesterplus/

https://sozio-med-mobil.de/elm-asse/wp-content/uploads/sites/8/2017/08/LiF_In_guter_Gesellschaft_zum_Arzt.pdf

https://www.schleswig-holstein.de/DE/Fachinhalte/G/gesundheitsland/schlaglichter/schlaglichter_Telemedizin.html

https://www.bundesaerztekammer.de/aerzte/telematiktelemedizin/telemedizin/