Heersumer Sommerspiele 2019, Foto: Mona Hofmann
Land schafft Theater – Wir stellen drei partizipative Formate vor

In manchen Bundesländern dürfen Theater langsam wieder öffnen. Vielen fehlen besonders die Kulturangebote in der Corona-Krise – tragen sie doch erheblich zur Lebensqualität bei. Fehlt dieses Angebot in Städten, stellt sich manch eine*r die Frage, was die Vorteile vom Leben in der Stadt eigentlich ausmacht. Auf dem Land ist das Angebot meist per se geringer, dafür gibt es hier ganz besonders ausgefallene Formate.

In Städten wird während der Corona-Krise der öffentliche Raum zur Bühne gemacht – wie zum Beispiel ein Parkdeck, das als Auto-Theater genutzt wird. Auf dem Land spielten der öffentliche Raum und die landschaftlichen Besonderheiten oft schon vorher eine große Rolle in den Inszenierungen.

Aber auch die Menschen aus der Region spielen oft – im wahrsten Sinne des Wortes – eine wichtige Rolle.

Wir haben drei Beispiele zusammengetragen, wie Theatergruppen die Gegebenheiten auf dem Land nutzen, um gemeinsam mit den Einwohner*innen einmalige Erlebnisse und unvergessliche Bilder zu schaffen.

Landschaftstheater – das Dorf wird zur Bühne

Die Landschaft wird zur Bühne – Felder, Wiesen oder Wälder, alte Fabrik- oder auch Kasernengebäude werden zu Orten des Spektakels. Kuriose Requisiten und die schauspielerische Darstellung versetzen so Zuschauer*innen an andere Orte, in andere Zeiten oder gar andere Welten.

Die Heersumer Sommerspiele im Landkreis Hildesheim beispielsweise setzen schon seit einigen Jahren auf ihre reizvollen Landschaftsbühnen. Jährlich kommen tausende Zuschauer*innen, um die Inszenierungen zu sehen. Kurzerhand entstehen so unter anderem U-Bahnstationen an den ungewöhnlichsten Orten – auf der grünen Wiese oder im Weizenfeld.

Der SandsteinSpiele e.V. aus der Sächsischen Schweiz nutzt das Elbsandsteingebirge mit seinen bizarren Felsformationen und Tafelbergen für eine beeindruckende Szenerie. Aktuell wird beispielsweise in Form eines Theaterspaziergangs durch die Natur die Geschichte von Robin Hut im Elbwood Forest, eine Robin Hood-Adaption, aufgeführt.

Das LANDschafftTHEATER hat sich ebenso auf diese Art der Darstellung spezialisiert und bereits mehrere Stücke in Bad Düben realisiert, die Besucher*innen weit über den Ort hinaus anziehen. Hier stehen Menschen aus der Region gemeinsam mit Fernsehstars auf der Bühne.

Das Besondere am Konzept der Landschaftstheater ist meist, dass professionelle Theater- und Filmschaffende mit Einwohner*innen der Region zusammenarbeiten. Mitmachen kann jede*r, ob jung oder alt, ob viel oder gar keine Theatererfahrung. Gemeinsam werden die Figuren und sogar Kostüme und Bühnenelemente erarbeitet und gestaltet.

Durch den neuen Blick der Künstler*innen, die in die Region kommen, kann die eigene Umgebung mit ganz anderen Augen betrachtet und Altbekanntes vollkommen neu erlebt werden. So wird nicht nur das Kulturangebot erweitert, auch das regionale Gemeinschaftsgefühl und die Identifikation mit der Heimat werden gestärkt.

Eine mobile Kulturwerkstatt für alle

Ein Ort für Gemeinschaft und Kultur muss nicht stationär sein. Eine mobile Kulturwerkstatt ist ein Veranstaltungsraum, der sich in gemütlicher Traktor-Geschwindigkeit bewegt. Hier kann alles stattfinden, was Spaß macht und auf zehn Quadratmetern möglich ist: Fotokurse, kleine Ausstellungen, Minikino, Seniorentreff, rollende Bibliothek. Es passiert das, was die Menschen sich überlegen und auf die Beine stellen.               

Die Idee, einen Kulturort mobil zu machen, ist eine gute Möglichkeit mehr Menschen daran teilhaben zu lassen und die Reichweite zu erhöhen. Eine solche Mobile Kulturwerkstatt gibt es zum Beispiel in Klein Leppin in der Prignitz. Der dort ansässige FestLand-Verein fährt mit einem sogenannten Leutewagen – einem Anhänger, in dem früher Landarbeiter*innen auf dem Feld ihr Mittagessen einnahmen – über die Dörfer.

Theater zu Wasser – die schwimmende Bühne

Der Katamaran »Genossin Rosi«, Foto: Dominik Brauch

Aber nicht nur an Land, auch zu Wasser finden kulturelle Attraktionen statt – einzige Voraussetzung ist ein Pier zum Anlegen. Die gemeinnützige Theatergenossenschaft Traumschüff war 2019 mit ihrem schwimmenden Wandertheater namens »Genossin Rosi« auf der Elbe, Havel und Müritz unterwegs und hielt in den anliegenden Orten. Die Idee dahinter: Kulturangebote nicht nur für die »üblichen Verdächtigen« in den großen Theaterhäusern schaffen. Zudem möchten die Künster*innen ihr Publikum und ihre tatsächliche Lebensrealität ansprechen. Die Stücke sollen mit dem Leben der Menschen zu tun haben, die sie erreichen wollen.

Gespielt wurde das Stück »Treue Hände«, in dem Nachwendezeit-Erfahrungen der Menschen in der Region verarbeitet werden. Die Gruppe trat hierfür in der Konzeptionsphase in Dialog mit den Menschen vor Ort und greift die Erzählungen auf der Bühne auf. Auch nach dem Stück bleibt stets Zeit für Gespräche, um noch intensiver mit dem Publikum in Austausch zu kommen.

Quellen:

https://sandsteinspiele.de/index.php/projekte

https://www.hildesheim.de/veranstaltungen/festivals-und-open-air/heersumer-sommerspiele.html

https://www.forumheersum.de/einmal-heersum-sein

https://www.landschaffttheater-info.de/

https://neulandgewinner.de/projekte/leutewagen-mobile-kulturwerkstatt.html

https://www.laendlicher-raum.info/foerderung/traumschueff/

https://www.deutschlandfunk.de/schwimmendes-wandertheater-genossin-rosi-entert-die-provinz.3381.de.html?dram:article_id=453298