Lebensabend im Dorf – Wunschbild und Herausforderung zugleich

»Alt werden ist nichts für Feiglinge« – das hat meine Oma als sie schon ziemlich betagt war  immer gesagt. »Alt werden ist nichts für Feiglinge – wer hat das noch gesagt?« Das waren ihre Worte im 5-Minuten Takt, denn dann hatte sie bereits wieder vergessen, dass sie es eben erwähnte. Sie – beziehungsweise Blacky Fuchsberger von dem der Spruch stammt, haben recht; es ist ein unausweichliches aber auch mutiges Unterfangen.

Vor allem auf dem Land, wo auch sie zu Hause war, ist es schön aber nicht immer leicht Alt zu werden. Insbesondere nicht wenn die Kinder weit weg in der Stadt leben und es vor Ort wenig Infrastruktur gibt.

Alternde Gesellschaft – vor allem in Dörfern ein großes Thema

Das Phänomen der alternden Gesellschaft betrifft ländliche Räume in besonderen Maße. Oftmals ziehen die Jüngeren weg, die Elterngeneration bleibt. Aber auch die steigende Lebenserwartung bei einer sinkenden Geburtenrate trägt dazu bei, dass in einer Region das Durchschnittsalter steigt*. Der Anteil der Senior*innen und Hochbetagten liegt in vielen ländlichen Regionen deutlich über dem Bundesdurchschnitt (1). Ein Trend der sich vielerorts verstärkt: betrug das Verhältnis der unter 6-Jährigen gegenüber den über 65-Jährigen in Brandenburg 2012 noch 1:5, wird es 2025 bereits auf 1:13 prognostiziert, in Mecklenburg-Vorpommern sogar auf 1:14. Grundsätzlich ist diese Entwicklung in den neuen Bundesländern deutlich stärker ausgeprägt. Im Vergleich dazu verändert sich dieses Verhältnis in Baden-Württemberg voraussichtlich nur von 1:4 zu 1:6 (2).

Doch auch die Lebensqualität ländlicher Regionen trägt zu diesem Trend bei. Die schnelle und einfache Erreichbarkeit von Arbeitsplatz, Schulen und Kultureinrichtungen weicht dem Bedürfnis nach Ruhe, vergleichweise günstigem Wohnraum und die Nähe zu Naturerholungsgebieten. So werden ländliche Kommunen gerade für Menschen im Ruhestand attraktiv – viele Ältere wollen im Alter aufs Land bzw. dort bleiben. Einige Regionen, wie zum Beispiel der Landkreis Lüneburg, haben in den letzten Jahren einen konstanten Zuzug zu verzeichnen – allerdings in erster Linie von Seniorinnen und Senioren. (3) 

So lange wie möglich selbstständig zu bleiben ist für viele Hochaltrige wichtig

Der Lebensabend wird zunehmend zur Phase des Un-Ruhestands. Menschen über 65 sehen sich nicht auf dem Abstellgleis, sondern erfahren eine Phase ihres Lebens, die neue Erlebnisse und Qualitäten birgt. Diese wollen sie bewusst gestalten und genießen.

Versorgung und Sozialleben spielen im Alter eine besonders wichtige Rolle

Die Phase des Alters hat sich stark gewandelt. Im Vergleich zu früher bleiben kognitive und physische Leistungsfähigkeit im Alter länger erhalten. Hochaltrige, also Menschen über 80 Jahren, wollen oft so lange wie möglich im eigenen Zuhause wohnen. So kommt es zunehmend zur Vereinzelung. Besonders Frauen im höheren Alter leben heute häufig alleine. Um auf die Auswirkungen der demografischen Veränderungen zu reagieren spielt einerseits die Betreuung, Unterstützung und Versorgung der älteren Bevölkerung eine wichtige Rolle. Andererseits haben Ältere verstärkt den Wunsch und die Fähigkeiten, aktiv am sozialen Leben teilzuhaben und dieses mitzugestalten. Dabei ist zu beachten, dass der Aktionsradius älterer Menschen kleiner ist als der von Jüngeren und sich in erster Linie auf das nahe Wohnumfeld konzentriert. 

Der gewohnte Blick in den Garten – im Alter soll für viele alles so bleiben, wie es ist

Beispiele, wie das Leben der Hochbetagten in ländlichen Kommunen erleichtert werden kann

Zu Hause bleiben dank smarter Helferlein

Digitale Hilfsmittel erleichtern den Alltag

Das Bedürfnis in der Heimat und in den eigenen vier Wänden zu bleiben ist nachvollziehbar. Altersgerechte Assistenzsysteme können dabei unterstützen, insbesondere wenn man alleine lebt. Ob Sprachsteuerung, smarte Kühlschränke oder Erinnerungshilfen – unter dem Begriff »Ambient Assisted Living« (AAL) werden Konzepte, Produkte und Dienstleistungen verstanden, die darauf abzielen ältere Menschen dabei zu unterstützen, so lange wie möglich selbstbestimmt in ihren eigenen vier Wänden zu leben. Die notwendigen Technologien für derartige Assistenzsysteme sind vorhanden, meist scheitert die erfolgreiche Nutzung daran, dass die Bedienung und Installation nicht einfach genug sind und die Hemmungen gegenüber der Auseinandersetzung mit dem Neuen zu groß sind. In ländlichen Regionen kann auch die Qualität der Internetverbindung ein Hemmnis sein. Hier können die Kommunen aktiv werden und auch Aufklärungsarbeit bzw. Hilfe beim Umgang mit der neuen Technik leisten.

Alternative Wohnformen speziell für die Älteren

Ein weiterer Ansatz sind alternative Wohnformen wie 50-Plus-WGs oder Seniorendörfer. Es entstehen immer mehr Wohnprojekte, die speziell auf die Bedürfnisse älterer Bewohner*innen abgestimmt sind. Diese sind teilweise in die bestehende Dorfstruktur integriert, teilweise sind es komplett neue Siedlungen. Auch wenn man hierfür Umziehen muss und sich an ein neues Lebensumfeld gewöhnen, entdecken immer mehr Renter*innen das gemeinschaftliche Wohnen für sich. Was man meist mit Studentenleben verbindet – gemeinsame WGs, geteilte Küchen und abendliches Kartenspielen im Gemeinschaftsraum bietet auch für Ältere und gerade Alleinstehende viele Vorteile. Man kann sich im Alltag unterstützen, sich die Haushaltsarbeit teilen, das Sozialleben durch gemeinsame Aktivitäten und Ausflüge bereichern und seinen Freundes- und Bekanntenkreis erweitern. 

Gemeinsames Leben in einer Wohngemeinschaft statt Einsamkeit alleine

Eine spezielle Form ist der Pflegebauernhof. Einige der Landwirt*innen haben sich das Konzept der Pflegebauernhöfe ausgedacht. Der Grundgedanke: Viele der älteren im Dorf haben früher in der Landwirtschaft gearbeitet oder fühlen sich mit ihr eng verbunden. Ob beruflich oder durch die Gartenarbeit, viele sind es gewohnt mit Pflanzen und Tieren umzugehen. Pflegebauernhöfe sind eine Option für Menschen, die nicht mehr allein zu Hause leben können oder wollen, aber in Gemeinschaft und mit Bezug zur Landwirtschaft leben möchten. Hier haben sie die Möglichkeit sich in Garten, Stall und Haushalt zu betätigen und aktiv etwas zur Gemeinschaft beizutragen.

Viele Ältere schätzen den Kontakt zu Tieren

Mobilitätsdienstleistung statt Versorgung vor Ort

In vielen Dörfern gibt es keinen Arzt mehr, geschweige denn Fachärzte oder andere Gesundheitsberufe. Ein Projekt, das dieses Problem aktiv angeht ist das Sozio-Med-Mobil im Elm-Asse Kreis. Ehrenamtliche Fahrer*innen bringen Menschen zum Arzt in den Ballungszentren, die nicht eigenständig dort hinkommen würden. Das ermöglicht es Hilfebedürftigen, mobil und eigenständig zu bleiben und schafft so ein erhebliches Maß an Unabhängigkeit und Lebensqualität. Der kostenfreie Fahrdienst kann via Online-Plattform gebucht werden, Kümmerer helfen dabei falls die Nutzer*innen digital nicht bewandert sind. Neben der reinen Mobilitätsdienstleistung ist das Projekt für die Teilnehmenden durch die soziale Komponente wertvoll. Auf der Fahrt ergeben sich Gespräche, werden neue Bekanntschaften geknüpft. Das hilft gegen Einsamkeit und begünstigt Vernetzung in der Region. Zudem ist das Sozio-Med-Mobil auch eine Beratungsstelle, die monatlich in den Dörfern des Landkreises halt macht um die Bewohner*innen zu informieren und zu beraten. (4) 

PS: Nachahmen explizit erwünscht.

Quellen:

(1) BMEL – Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Hg.) (2016). Bericht der Bundesregierung zur Entwicklung der ländlichen Räume 2016. Berlin

(2) BMEL – Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (Hg.) (2015). Demografischer Wandel auf dem Land. https://www.bmel.de/DE/Laendliche-Raeume/Infografiken/DemografischerWandel/_node.

html;jsessionid=7D5CD924173084424BC1B4B69B4E5B55.1_cid288 (zuletzt abgerufen am 22.02.2019)

(3) https://www.lueneburg.de/Portaldata/1/Resources/lklg_dateien/lklg_dokumente/verwaltungsleitung/01_buero_landrat/Die_demographische_Entwicklung_im_Landkreis_Lueneburg.pdf

(4) Hanus, J., Hefenbrock, K.: In guter Gesellschaft zum Arzt. In: Land in Form 2/2020

Anmerkungen der Redaktion:

*) Hier stand ursprünglich der Satz: “Aber auch die steigende Lebenserwartung bei einer sinkenden Geburtenrate trägt zur so genannten Überalterung bei.” Dieser wurde nach dem Hinweis auf den diskriminierenden Charakters des Begriffs “Überalterung” umformuliert.