Lebensmittelversorgung in Corona-Zeiten – wie die Pandemie Produzierende und Konsumierende verbindet

Hamsterkäufe, leere Supermarktregale, fehlende Erntehelfer*innen und Exportbeschränkungen – die Corona-Pandemie zeigt wie stark wir in globale (Liefer-)Netzwerke eingewoben sind. Bei lebensnotwendigen Produkten wie Lebensmitteln und Medikamenten merken wir jetzt unmittelbar, was passiert wenn Exportbeschränkungen oder Produktionsrückgänge in den Erzeugerländern die Warenströme einschränken. Die Krise macht sichtbar, wie die Globalisierung mit Abhängigkeiten in wesentlichen Versorgungsbereichen einher geht – aber auch wie man Erzeuger*innen und Konsumierende näher zusammen bringen kann.

Deutschland kann sich mit wesentlichen Nahrungsmitteln selbst versorgen

Der Selbstversorgungsgrad mit Lebensmitteln lag in Deutschland 2016/2017 bei Kartoffeln und Getreide, aber auch Fleisch, Milch und Zucker bei jeweils über 100%. Bei Gemüse und Obst, Eiern und Honig sind wir jedoch auf Importe aus dem Ausland angewiesen. Der Subsistenzgrad bei Gemüse liegt bei gerade einmal 37% und nur etwa 21% des von uns verzehrten Obstes stammt aus heimischem Anbau. Kommt es bei diesen Produkten zu einer Unterbrechung der Lieferketten, schlägt sich das schnell auf Verfügbarkeit und Preis nieder. 

Selbstversorgungsgrad in Deutschland 2016/2017. Quelle: BLE, eigene Darstellung

Gemüse und Obst werden wegen Corona knapper

Das meiste Gemüse, das wir hierzulande kaufen stammt aus Italien und Spanien, Ländern die von der Corona-Pandemie besonders betroffen sind. Die Auswirkungen sind heute schon in deutschen Supermärkten spürbar. Die Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH (AMI) stellte fest, dass sich das Gemüse innerhalb eines Jahres um rund 26%, Obst um rund 14% verteuert hat. Zucchini plus 92 Prozent, Brokkoli plus 6%, Blumenkohl plus 63%, Paprika plus 56% (2).

Die Gründe hierfür sind unterbrochene Lieferketten, verminderte Produktivität auch auf Grund von Reisebeschränkungen für Erntehelfer und Erntehelferinnen, aber auch – Corona-unabhängig – der milde Winter und das trockene Wetter im Frühling. 

Bei einigen Produkten sind die Preise jedoch auch gefallen. Das betrifft zum Beispiel Lagergemüse wie Kartoffeln, Weißkohl und Zwiebeln – hier werden die Bestände vom letzten Herbst günstig abverkauft (3). Auch Fleischproduzenten leiden unter einer teils negativen Preisentwicklung: »Die Krise wirkt sich negativ auf die Rindfleischpreise aus, daher haben wir unsere Veraufsaktivitäten erstmal gestoppt. Zwar setzen die Menschen in der Krise vermehrt auf heimische Produktion, aber was uns jetzt an Absatz verloren geht, bekommt der einzelne Bürger im Sommer am Grill auch nicht aufgefuttert.« so Christian Rohlfing, Fleischrinderhalter aus Mecklenburg-Vorpommern gegenüber agrarheute (4).

Bunte Gemüseauswahl im Supermarkt – dank internationaler Lieferketten

Corona trägt zur Relokalisierung der Versorgung bei

Steigende Kundenzahlen bei Gemüsekisten-Anbietern und ausverkaufte Milchtankstellen – in der Corona-Krise sind regionale Lebensmittel stärker nachgefragt. Ein Phänomen welches nicht nur in Deutschland zu beobachten ist: Höfe, die nach dem Prinzip der solidarischen Landwirtschaft wirtschaften, verzeichnen in vielen Ländern eine steigende Nachfrage. Beispielsweise in China ist die Nachfrage im Januar um 300% gestiegen (5). Vorteile sind die bargeldlose Bezahlung im Voraus, die sichere Versorgung mit frischen Lebensmitteln sowie die Lieferung nach Hause oder kontaktfreie Abholung am Hof.

Biobranche profitiert von resilienteren Struturen 

Für den Ökolandbau entstehen auch Chancen durch die Krise. Die Umsätze für Bio-Lebensmittel stiegen im März 2020 um 27% im Vergleich zum Vorjahresmonat. Einige Geschäfte im Naturkostfachhandel verzeichneten sogar ein Plus von bis zu 60%. Hier zeigt sich, dass die Pandemie zu vielfältigen Verhaltensänderungen führt (6).

»Die Menschen kochen gezwungenermaßen viel häufiger selbst und setzen sich deshalb automatisch mehr mit der Art der Erzeugung, der Qualität und Herkunft von Lebensmitteln auseinander. Und da landen Sie dann automatisch häufiger bei Bio-Produkten.« So Jan Niessen, Professor für Strategische Marktbearbeitung in der Biobranche an der Technischen Hochschule Nürnberg. Der gesamte Bio-Markt baut viel mehr auf regionale Strukturen und ist so unabhängiger von Im- und Exporten. Das verleiht Stabilität bei den Lieferketten und Preisen.

In der Krise trägt gutes Essen zum Wohlbefinden bei.

Stadtnahe Höfe profitieren, die Peripherie hat das Nachsehen

Bei der Direktvermarktung ist die Entwicklung sehr unterschiedlich. Produzierende die ihre Ware auf Wochenmärkten verkaufen und Anbieter von Lieferkisten profitieren von der verstärkten Lust aufs Regionale. »Seit der Corona-Pandemie sind über die Wochen- und Bauernmärkte sowie in Hofläden die Umsätze um 20% bis 30% gestiegen und stagnieren jetzt auf einem höheren Niveau als vor der Corona-Zeit«, berichtet die Geschäftsstellenleiterin der Vereinigung Norddeutscher Direktvermarkter (VND), Elke Sandvoß (7). Vor allem Betriebe in guten, stadtnahen Lagen erleben einen Boom, so Diana Schnaak, Marktanalystin für den Öko-Landbau bei der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft mbH (AMI). Höfe in ungünstigeren Lagen hingegen leiden unter den Ausgangsbeschränkungen – die Kundschaft und der Umsatz bleiben aus (8).

Während sich einige Direktvermarkter über viele neue Privatkund*innen freuen, leiden andere unter der fehlenden Nachfrage der Gastronomie. Geschlossene Restaurants führen zu Absatzschwierigkeiten bei Pommes Frites (9), Wildfleisch (10) und Spargel. Christina Ingenrieth, Spargelbäuerin aus Nordrhein-Westfalen: »Wir pushen unseren Lieferservice, das ist ein kleiner Lichtblick am Ende des Tunnels. Nüchtern betrachtet werden uns trotzdem etwa 70 Prozent unseres Umsatzes fehlen.« (11)

Lieferkiste statt Supermarkt

Nicht nur Wochenmärkte, auch Lieferservices im Lebensmittelsegment profitieren davon, dass viele den Gang zum Supermarkt scheuen. »In diesem Jahr haben die monatlichen Bestellungen noch einmal kräftig an Dynamik zugelegt«, so Robert Tönnis, Initiator und Aufsichtsratschef von Wochenmarkt24. »Während sie sich bislang in einer Größenordnung zwischen 4000 und 5000 im Monat bewegten, sind sie bis April auf über 9000 hochgegangen, so dass wir unseren Shop sogar zwischenzeitlich schließen mussten. Daran hat die Corona-Krise sicherlich auch einen gewichtigen Anteil.« (12) Auch die Bio-Branche reagiert. Viele Höfe haben ihr Angebot ausgebaut oder neue Abokisten eingeführt. Die Mitglieder der Hamburger Regionalwert AG haben beispielsweise innerhalb kürzester Zeit die Grundversorgungskiste an den Start gebracht und einen Lieferservice aufgebaut. Inhalt der Kiste: Obst, Gemüse, Brot, Kartoffeln, Milchprodukte und sogar fertige Suppen, Saucen, Salate und Desserts von teilnehmenden Restaurants. (13)

Ob Lieferkiste, Wochenmarkt oder Hofladen – regionale Produkte bei lokalen Erzeuger*innen zu kaufen hilft zum einen den heimischen Landwirt*innen, die Krise zu überwinden. Zum anderen sind kurze und direkte Lieferketten zwischen Landwirt*in und Kund*in krisenfester: sie machen unsere Volkswirtschaft unabhängiger vom Weltmarkt und bieten eine weitere Chance für den ländlichen Raum.

Haben auch Sie ein interessantes Projekt im Landkreis, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns gerne: info@prototypingfutures.de

Gibt es in Ihrem Ort einen Direktversorger mit tollem Konzept? Dann ist vielleicht dieser Wettbewerb etwas für Sie:

https://www.ble.de/DE/Projektfoerderung/Foerderungen-Auftraege/Kompetenzzentrum-Laendliche-Entwicklung/LandVersorgt/LandVersorgt_inhalt.html?nn=8905210&fbclid=IwAR1VuNFCKgRE2KM0N7v7-lvCF_-QdJRXlGOLbuvmXgUVvlVcX-4s02oI3_4

Quellen:

(1) https://www.bmel-statistik.de/ernaehrung-fischerei/versorgungsbilanzen/

(2) https://www.rbb24.de/wirtschaft/thema/2020/coronavirus/beitraege_neu/2020/04/lebensmittel-teurer-nicht-nur-wegen-coronakrise.html

(3)  https://www.mdr.de/brisant/lebensmittel-teurer-corona-100.html

(4) https://www.agrarheute.com/management/betriebsfuehrung/so-reagieren-deutsche-landwirte-corona-krise-566911

(5) https://www.slowfood.de/aktuelles/2020/covid-19-pandemie-unterstreicht-die-notwendigkeit-die-maengel-unserer-ernaehrungssysteme-zu-beheben

(6) https://www.oekolandbau.de/landwirtschaft/biomarkt/corona-krise-eine-chance-fuer-den-oekolandbau/

(7) https://www.fleischwirtschaft.de/wirtschaft/nachrichten/Corona-Pandemie-Regionale-Produkte-in-der-Krise-gefragt-41940?crefresh=1

(8) https://www.oekolandbau.de/landwirtschaft/biomarkt/corona-krise-eine-chance-fuer-den-oekolandbau/

(9) https://www.mdr.de/brisant/lebensmittel-teurer-corona-100.html

(10) https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/agrar-berlin-jaeger-werden-wild-wegen-geschlossener-restaurants-nicht-los-dpa.urn-newsml-dpa-com-20090101-200425-99-831046

(11) https://www.agrarheute.com/management/betriebsfuehrung/so-reagieren-deutsche-landwirte-corona-krise-566911

(12) https://www.wiwo.de/unternehmen/handel/lieferservice-toennies-rollt-die-republik-auf/25784866.html

(13) https://www.regionalwert-hamburg.de/https://www.regionalwert-hamburg.de/