Ohne Auto mobil auf dem Land? Herausforderungen und Lösungsansätze

Die Mobilitätssituation spielt in ländlichen Räumen aufgrund der größeren Entfernungen eine besondere Rolle. Mobil zu sein ist eine der Grundvoraussetzungen für das Erreichen des Arbeitsplatzes, dem Zugang zu Einrichtungen der Daseinsvorsorge wie Geschäften, Ärzt*innen, Ämtern oder Bildungseinrichtungen. Auch der Besuch von Veranstaltungen und Freizeiteinrichutngen ist oft mit Wegstrecken verbunden – so ist die individuelle Mobilität auch Voraussetzung für soziale Teilhabe.

Seit ich nun einige Monate im Wendland wohne, merke ich nach vielen Jahren Stadtleben wieder wie es ist ohne Auto quasi nicht mobil zu sein. Zwar gibt es hier sehr zukunftsweisende Initiativen wie die Mobilitätszentrale Wendland, der Verein Carsharing im Wendland und das kostenlose Angebot zum Pedelec-Testen der Klimaschutzleitstelle Lüchow-Dannenberg.

Zur Arbeit muss ich durch Home Office zwar aktuell nicht fahren, dennoch merke ich, welchen Unterschied die weiten Wegen im täglichen Leben machen. 

Aus diesem Anlass möchte ich im heutigen Artikel das Thema Mobilität in den Fokus stellen und beleuchten, welche die größten Herausforderungen für die Mobilität der Zukunft auf dem Land sind und welche Lösungsansätze es gibt.

Zunächst ein Blick zurück: Wie das Land mobil wurde

Bedeutsam für ländliche Räume war der, in Deutschland um 1835 beginnende, enorme Ausbau der Bahninfrastruktur in Form von Schienen, Brücken, Bergdurchbrüchen, Tunneln und Bahnhofsbauten. Das Verkehrsaufkommen stieg rapide durch den Austausch von Waren und die Beförderung von Personen an. Es entstanden sogenannte »Bahndörfer, in denen neben Kirche, Schule, Laden und Gasthof der Bahnhof eine zentrale Adresse darstellte. Zahlreiche Arbeitsplätze im Bereich des Bahnverkehrs (Zugführer, Schaffner, Techniker, Bahnhofsvorsteher, Schrankenwärter) sorgten dafür, dass bereits im 19. Jahrhundert »urbane« Berufe Einzug in die bisher agrar geprägte Tätigkeitsskala nahmen.(1)               

Seit dem Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, lösten motorisierte Wagen von Zugtieren gezogene Fuhrwerke nach und nach ab, da diese schneller und weiter fahren konnten. Dies hatte zur Folge, dass auch das Straßenverkehrsnetz stärker ausgebaut wurde und immer größere Strecken zurückgelegt werden konnten.       

In den letzten Jahrzehnten, ging die Flächenerschließung ländlicher Räume durch die Bahn im Gegensatz zur Straße zurück. Besonders im Zuge der Bahnreform 1994 vollzug die Deutsche Bahn einen Rückzug aus der Fläche zugunsten überregionaler Strecken. Linien und Bahnhöfe (über 5400 Kilometer Schienennetz) wurden stillgelegt (2), wodurch sich die Verkehrsinfrastruktur vieler ländlich geprägter Orte und Regionen verschlechterte und viele Bahnhofsgebäude leerstehen.

Noch gilt die Vorherrschaft des Autos

Ländliche Räume sind heute vor allem durch ein Netz an Autobahnen, Bundesstraßen, Landstraßen, Kreisstraßen und Gemeindestraßen erschlossen, deren Dichte und Ausbau im internationalen Vergleich gut ist. Dies hat zur Folge, dass das Land als ein Raum der Mobilitätsachsen, Asphaltbänder und Wegesysteme zu einer regelrechten »Bühne für das Automobil« (Peter Krieger 2018) geworden ist. So nimmt der motorisierte Individualverkehr in den allermeisten ländlichen Regionen die Hauptrolle ein. Die Zahl der durchschnittlichen Fahrzeuge pro Haushalt stieg in den letzten Jahrzehnten immer weiter an (3). Aufgrund beruflichem Pendelns sind viele Menschen auf ein eigenes Auto angewiesen. Hinzu kommt das allgemein steigende Verkehrsaufkommen durch eine immer »mobilere Gesellschaft« und zunehmend flexible, individuelle Lebensstile. Weitere Faktoren sind die starke Freizeitorientierung, wachsende Haushaltseinkommen sowie steigende räumliche Distanzen zwischen Wohnort und übrigen Funktionsorten des täglichen Lebens durch die Zentralisierung vieler Institutionen der Daseinsvorsorge.

Großstädte und Verdichtungsgebiete besitzen ein größeres Angebot an hoch qualifizierten Dienstleistungsarbeitsplätzen in Wirtschaft, Forschung, Bildung, Medizin und Verwaltung, was zu einer hohen Auspendlerquote vom Land in die Städte führt. Inzwischen wohnen beispielsweise zwei Drittel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die in den Metropolen Frankfurt am Main, Düsseldorf und Stuttgart arbeiten, außerhalb der Stadtgrenzen. Die meisten Pendler*innen hat München. Hier stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten, die außerhalb der Stadt wohnen, zwischen den Jahren 2000 und 2017 um 21% auf 355.000 an (4).

Eine günstige Lage oder gute Verkehrsanbindung hat viele – vor allem wirtschaftliche – Vorteile. An Verkehrsachsen siedeln sich gerne mittelständisch geprägte Unternehmen an. Um im Standortwettbewerb mit verkehrstechnisch gut angebundenen Städten bestehen zu können, sind Anbindungen zu den überregionalen Verkehrswegen ein wichtiger Faktor.

ÖPNV auf dem Land – es gibt viel Aufholbedarf                

Der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) wird in ländlichen Räumen größtenteils durch Buslinien verschiedener regionaler Verkehrsverbände erbracht. Ein hoher Kostenaufwand, die geringe Nachfrage sowie die zunehmende Ausdünnung der Strecken und Fahrpläne rufen nach neuen Herangehensweisen. Das schwache Rückgrat des ÖPNV in ländlichen Räumen ist heute oftmals der Schüler*innenverkehr. Dies steht vielerorts im Spannungsfeld mit sinkenden Schüler*innenzahlen und abweichenden Mobilitätsbedürfnissen der restlichen dörflichen Bevölkerung. Schienengebundene Angebote sind oft nicht zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar. Zudem ist der Transport von Gepäck oder Einkauf, der aufgrund der längeren Strecken meist größer ausfällt, zu Fuß oder mit dem Rad im Alltag ein Problem. Die Mobilitätssituation in ländlich geprägten Regionen ist, angesichts des Abbaus von Einrichtungen zur Daseinsvorsorge und hoher Pendelstrecken gepaart mit dem oft geringen Angebot öffentlicher Nahverkehrsangebote, häufig nur mit dem Auto zu bewältigen.

Ohne Auto mobil: Gefragt sind neue Lösungen für mehr Zugang zu Mobilität für Jung und Alt

In ländlichen Gebieten wird sich der demograpgische Wandel in Zukunft durch einen steigenden Altersdurchschnitt besonders stark zeigen – auch bedingt durch eine Abwanderung der jüngeren Altersgruppe für Bildung und Beruf (»Doppelte Alterung«). Der durchschnittliche Pkw- und Führerscheinbesitz sowie die Fahrtüchtigkeit sinkt jedoch mit zunehmendem Alter. Familie, Freunde und Bekannte stellen häufig die Mobilität sicher. Mitfahrgelegenheiten als Nachbarschaftshilfe und innerhalb der Familie sind auf dem Land deutlich verbreiteter als in der Stadt. Ziehen jedoch Kinder und Enkelkinder in eine andere Region, fälllt diese Möglichkeit zunehmend weg.   

In manchen Fällen können Lieferdienste Lücken im Bereich der Nahversorgung schließen, sie können allerdings das Bedürfnis nach sozialer Teilhabe nicht auffangen, das durch Mobilität ermöglicht wird. Unterhaltungsangebote und soziale Events finden häufig außerorts statt – vor allem ältere Leute, Jugendliche und Menschen ohne Führerschein und Fahrzeug stellt das vor Herausforderungen. Unabhängig von Verwandten und Bekannten mobil sein zu können ist ein entscheidender Faktor für die individuelle Lebensqualität.

Zudem gehört es für viele Menschen mittlerweile dazu, aus ökologischen Gründen auf ein Auto zu verzichten. Der motorisierte Individualverkehr muss dringend zu Gunsten von nachhaltigen Alternativen zurückgehen, um weitere intensive Umweltbelastungen zu verringern.

Ein Leben auf dem Land ohne Auto muss aus vielfältigen Gründen ermöglicht werden. Der Bedarf nach bezahlbaren und nachhaltigen Mobilitätsangeboten und dem Ausbau des ÖPNV wird in Zukunft weiter zunehmen.

Lösungsansätze für die Herausforderungen der ländlichen Mobilität von morgen

  1. Herausforderung: Wirtschaftlichkeit

Zukunftsweisende Mobilitätskonzepte stehen in ländlichen Räumen heute noch vor der Herausforderung Nachfrage, Preis-Leistungs-Verhältnis und Rentabilität für die Anbieter in Einklang zu bringen.

Lösungsansätze:

»Bürgerbusse« – getragen durch Kommunen oder gemeinnützige Vereine – stellen mancherorts bereits einen Lösungsansatz dar. Hierbei werden Kosten durch ehrenamtliche Kräfte und den gezielten, bedarfsorientierten Einsatz als Rufbus reduziert. Es müssen allerdings auch öffentliche Gelder stärker für die Mobilitätssicherung im ländlichen Raum bereitgestellt werden. Die Schweiz investiert pro Kopf beispielsweise 5-mal mehr in die Schieneninfrastruktur als Deutschland (5). Laut Koalitionsvertrag soll bis 2030 allerdings die Anzahl der beförderten Passagiere in Deutschland verdoppelt werden.

  1. Herausforderung: Technische Innovationen richtig nutzen

Die Devise »on-demand«, also nachfragegesteuert statt basierend auf klassischen Fahrplänen, steht häufig im Zentrum neuer Konzepte.

Lösungsansätze:

Flexible Mobilitätsdienstleistungen können durch Algorithmen – die dementsprechende digitale Infrastruktur vorausgesetzt – effizienter organisiert und mehrere Fahrtenwünsche in gleiche oder ähnliche Richtungen (ähnlich wie beim Anruf-Sammel-Taxi) zu jeweils einer Route kombiniert werden (»Ridepooling«). Auch die Weiterentwicklung des autonomen Fahrens bietet hier Vorteile. Ländliche Räume werden bereits als Modellregionen für Nachfragegesteuerte-Autonom-Fahrende (NAF-)Busse gefördert.

Hier gilt es allerdings zu beachten: Im Bezug auf derartigen Angebote besteht häufig ein Misstrauen in der Bevölkerung. Es gibt Sorgen und Ängste gegenüber neuen Technologien wie dem autonomen Fahren und der Nutzung des 5G-Netzes. Zudem muss auch der ökologische Fußabdruck und mögliche Rebound Effekte neuer Technologien betrachtet werden: Es nutzt nichts, wenn in Zukunft auch Kinder und ältere Leute allein in autonomen Autos unterwegs sind – die Technologien müssen zur Reduktion von individuellem Verkehr eingesetzt werden.

  1. Herausforderung: Umweltverträgliche Mobilitätslösungen durch neue Antriebstechnologien

Angesichts der erheblichen menschengemachten Umweltbelastungen besteht dringender Handlungsbedarf im Bereich umweltverträglicher Mobilitätslösungen.

Lösungsansätze:

Unter den möglichen postfossilen Antriebsvarianten stellen Elektrofahrzeuge die führende Alternative zum fossilen Verbrennungsmotor dar. Hierbei spielt vor allem der Ausbau der Ladeinfrastruktur eine wichtige Rolle. Auch Wasserstoffantriebe stellen eine wichtige Zukunftstechnologie dar.

Ein regelrechter Boom ist im Bereich der E-Bikes festzustellen. Sie erleichtern nicht nur die Mobilität innerorts, Radschnellwege können auch die Erreichbarkeit der nächsten Stadt oder ÖPNV-Anbindung verbessern.

  1. Herausforderung: mehr Mobilität – weniger Verkehr 

Im Sinne der Nachhaltigkeit muss aber auch ein Fokus darauf gelegt werden, vorhandene Angebote möglichst praktikabel zu gestalten und somit eine effizientere Nutzung zu ermöglichen. Mobilitätslösungen abseits des motorisierten Individualverkehrs müssen den Bedürfnissen der Nutzer*innen stärker gerecht werden.

Lösungsansätze:

Die Devise ist »Vernetzen und Teilen«. Die Nutzung des ÖPNV muss durch den Aufbau multi- und intermodaler Wegeketten verbessert und attraktiver werden. Das eigene Auto kann durch Carsharing überflüssig werden und durch Mitfahrgelegenheiten (»Ridesharing«) – privat organisiert oder per Mitfahr-App – können Fahrten kombiniert werden.

Das Vermeiden von Verkehr kann auch auf weitere Art und Weisen gefördert werden. Die Digitalisierung und ein Wandel in der Arbeitswelt eröffnen zum einen die Möglichkeit im Homeoffice zu arbeiten. Zum anderen ermöglicht eine gute digitale Infrastuktur es Unternehmen ansässig zu werden bzw. zu bleiben. So können Pendelstrecken vermieden werden. Auch die Sicherung der Nahversorgung spielt eine wichtige Rolle, um eine Mobilitätskultur der Nähe zu ermöglichen. Multifunktionseinrichtungen und die Kopplung von Aktivitäten sind hier von zentraler Bedeutung.

Ausblick:

Dem motorisierten Individualverkehr wird trotz der Vielzahl an Lösungsansätzen zumindest in der näheren Zukunft noch eine führende Rolle bei der Mobilitätssicherung in ländlichen Räumen zukommen. Perspektivisch werden vernetzte, multi- und intermodale Mobilitätsangebote sowie Sharingsysteme an Bedeutung gewinnen. Die zentrale Aufgabe heißt: Verbesserung der Mobilitätssituation auf dem Land durch flexible und vernetzte Konzepte, die an die regionalen Bedarfe der Bevölkerung sowie an ökologische Maßstäbe angepasst sind.

Übrigens: in einem der nächsten Artikel stellen wir euch einige erfolgversprechende Beispiele und Initiativen in ländlichen Regionen vor, die zukunftsfähige Lösungen zur Verbesserung der Mobilitätssituation bereits in die Anwendung gebracht haben!

Quellen:

(1) Henkel, G. (2014). Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute. Bonn: Lizen- zausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung               

(2) Eisenbahn-Bundesamt (2018). Liste der seit 1994 stillgelegten bundeseigenen Strecken (Deutschland gesamt). https://www.eba.bund.de/DE/Themen/Stilllegung/ListenStatistiken/listenstatistiken_node.html (zuletzt abgerufen am 12.02.2019)               

(3) Steinrück, Barbara, Küpper, Patrick (2010). Mobilität in ländlichen Räumen unter besonderer Berücksichti- gung bedarfsgesteuerter Bedienformen des ÖPNV. Arbeitsberichte aus der vTI-Agrarökonomie. No. 02/2010. Johann Heinrich von Thünen-Institut(vTI). Braunschweig               

(4) Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (2017). Immer mehr Menschen pendeln zur Arbeit. http:// www.bbsr.bund.de/ BBSR/DE/Home/Topthemen/2017-pendeln.html

(5) Allianz pro Schiene, 2018. Investitionen europäischer Staaten in die Schieneninfrastruktur pro Kopf. https://www.allianz-pro-schiene.de/themen/infrastruktur/investitionen/