Auf dem Land, da hat man Platz – von wegen!

Proteste gegen den Bau der Tesla-Fabrik im brandenburgischen Grünheide, Unterschriftensammlungen gegen Windkraftanlagen und Stromtrassen, Aktivismus gegen Braunkohle Tagebau – immer wieder formiert sich Widerstand gegen Großprojekte in ländlichen Räumen.

Wenn Wälder Fabriken und Kohlegruben weichen müssen, gehen wichtige Ökosysteme, Lebensräume für Pflanzen, Tiere und den Menschen unwiederbringlich verloren. Wenn die Energiewende in der Landschaft sichtbar wird, stört das diejenigen, die gerade den Ausblick auf die unbebaute Natur schätzen. Wenn sich Tagebaugebiete weiter in die Landschaft fressen sind nicht selten auch Dorfbewohner*innen betroffen. Für sie gehört die Landschaft in erster Linie zum Kulturraum auf dem Lande, sie ist Teil der ländlichen Identität und ist untrennbar mit der Heimat verbunden. Schlimmstenfalls müssen Menschen umsiedeln, ihre Häuser und ihre Heimat aufgeben. All diese Projekte haben ein gemeinsames: es geht um Flächenverbrauch, um Konkurrenz der Nutzungen und um die Frage: in welchen Landschaften wollen wir leben?

Natur und Umwelt sind in ländlichen Räumen eigentlich immer präsent: 81% der Staatsfläche Deutschlands sind Grünland, Äcker, Wälder oder Gartenbauflächen (1). 51% werden landwirtschaftlich genutzt und auf rund 30% steht Wald. Doch nicht nur die Natur gehört zum Land, auch Siedlungen und Infrastrukturen wie Straßen, Gleise, Brücken und Stromtrassen gehören zum Landschaftsbild. Diese Verkehrs- und Siedlungsstrukturen nehmen rund 14% der Fläche in Deutschland ein. Das sind rund 620 m² pro Bundesbürger*in (2).

Die Energiewende, der zunehmende Verkehr und die wachsenden Wohn- und Gewerbegebiete erhöhen zudem die Nachfrage nach Flächen. Auch der Klimawandel erfordert Anpassungen wie eine geringere Flächenversiegelung und größere Schutzräume für gefährdete Arten. Nutzungskonflikte sind vorprogrammiert und nachhaltige Lösungen können nur gemeinsam gefunden werden.

Die Energiewende birgt vielfältige Potenziale und Herausforderungen für ländliche Gemeinden

Wie Landschaft sich verändert

In Deutschland finden sich vielfältige Landschaftsformen, die regional sehr unterschiedlich sind. Die flache Heide- und Seenlandschaft Norddeutschlands, sanfte Hügellandschaften und dicht bewaldete Mittelgebirge, die Nord- und Ostseeküste sowie die steilen, schroffen Hänge des Alpenlandes. Sie sind alle Teil einer abwechslungsreichen und diversen Landschaft.

Die Landschaft in Deutschland sah nicht immer so aus wie jetzt. Landschaft und Umwelt bleiben nicht gleich, sie verändert sich in Wechselwirkung mit Mensch, Tier, Klima und den geologischen Kräften stetig. Seit der Mensch sesshaft geworden ist verändert er die Landschaft massiv, beispielsweise durch Siedlungen, Landwirtschaft, Waldrodungen, Tagebau und Verkehrsnetze. Danach wurde auch eigens ein neues Erdzeitalter benannt, das Anthropozän.
Welche Pflanzen wachsen und welche Tierpopulationen sich verbreiten ist von der jeweiligen Nutzung abhängig. Auch die Flurformen sind von der Bewirtschaftung, aber auch vom technologischem Wandel und politischen Entscheidungen, abhängig. Flurbereinigungen, Maßnahmen im Zuge derer viele kleine Ackerflächen zu wenigen großen zusammengeführt werden, haben ihren Anteil beigetragen und die Landschaft verändert. Kleinteilige Felder mit Buschsäumen und Pfaden wurden zu großen landwirtschaftlichen Nutzflächen – optimiert für den industriellen Landbau. 

In Mitteleuropa gibt es kaum einen Raum, der nicht durch die Aktivitäten von Menschen verändert wurde. Die so genannte Primärvegetation, wie sie in unberührten Wäldern und Fluren zu finden ist, wurde durch die Landnutzung weitgehend beseitigt. Die natürliche Landschaft hat sich zu einer Kulturlandschaft und Wirtschaftslandschaft gewandelt.

Kaum noch Wildnis

Wilde Naturräume sind sowohl in Deutschland, als auch weltweit, nur noch sehr begrenzt zu finden. Lediglich 2% der Landesfläche Deutschlands wird von Landschaftsökologen noch zu den naturnahen Landschaften gezählt. 20% des Landes – hierzu zählen vor allem die forstwirtschaftlich genutzten Wälder – sind noch halbnatürliche Ökosysteme. Ganze 78% der Fläche werden inzwischen jedoch den überwiegend naturfernen oder naturfremden Ökosystemen zugeordnet (3). Dennoch gibt es einige Gebiete, die wieder zurück auf dem Weg zur Wildnis sind. Dies sind meist aufgegebene Truppenübungsplätze oder ehemalige Tagebau–Gebiete, die nun zu Seen und Naherholungsgebieten werden.

Mit Moos bedecktes Totholz – so wie hier sieht es in kaum einem Wald aus

Unterstützung des Natur- und Umweltschutz

Um der Entwicklung eines überregional gleichförmigen Landschaftsbildes entgegenzuwirken rückt vermehrt die Sicherung der landschaftlichen Unterschiede in den Fokus. Landschaftsgestaltende Maßnahmen wurden in das Flurbereinigungsgesetz aufgenommen und deren Schwerpunkt in Richtung Boden-, Natur- und Umweltschutz, sowie Kulturlandschaftspflege verlagert.
Naturschutzmaßnahmen zu erbringen sind jedoch nach wie vor Leistungen, die marktwirtschaftlich nicht honoriert werden. Daher erhalten Landwirte Leistungen aus der öffentlichen Hand, wenn sie beispielsweise Blüh- und Gewässerschutzstreifen anlegen. Genauso verhält es sich bei der Pflege bestimmter Kulturlandschaften. Auch Bürger*innen geben ihren Beitrag: ehrenamtlich engagieren sich in zahlreichen Vereinen, Initiativen und Verbänden für den Natur- und Umweltschutz sowie den Erhalt der lokal–spezifischen Kulturlandschaft (3). 

Trend: Konkurrierende Flächennutzung

Aus der Luft werden die verschiedenen Nutzungen besonders sichtbar

Ländliche Räume bieten ein natürliches Erholungspotenzial das von der Landbevölkerung und den Touristen hoch geschätzt wird. Die natürlichen Güter, wie die Vegetation und das Gelände, bieten die Voraussetzungen für Land-, Forst- und Energiewirtschaft. Und rings um wachsende Metropolen wird das Bauland für Wohnraum und Industriegebiete knapp. Die Konkurrenz um noch vorhandene Flächen treibt die Preise in die Höhe. Sich ausbreitende Siedlungen drängen die Naturräume immer weiter zurück und erhöhen den Druck auf Landschaftsschutzgebiete. Selbst in Gegenden mit hochwertigen Böden liegt der Verlust der landwirtschaftlichen Nutzfläche bei ca. 80ha pro Tag (4). Die Versiegelung des Bodens nimmt Tieren und Pflanzen den Lebensraum und trägt zu Überflutungen und auch zum Artensterben bei.

Wirtschaft oder Umwelt- und Klimaschutz? Energiegewinnung oder Heimat? Landschaftsbild oder Ausbau der Infrastrukturen? Wir alle nutzen unsere Umwelt, dabei hat jede Nutzergruppe ihre eigenen Sichtweisen, Ansprüche und Wünsche an die Landschaft. Natur, Landwirtschaft, Gewerbe, Verkehrsinfrastruktur und Wohngebiete konkurrieren um den immer knapper werdenden Boden. Vielfältige Nutzungskonflikte können entstehen.

Kluge Synergien und Landmanagement als Lösungsansätze

Früher waren ländliche Funktionsräume nicht so klar abgegrenzt wie heute. Diese Konzepte der integrierten Flächennutzung werden heute wieder populärer. Aus gutem Grund: sie bieten vielfältige Vorteile für Wirtschaft, Energieversorgung, Umwelt- und Naturschutz.

Traditionelle Waldnutzungen wiederentdeckt

Der Wald hat sich in seiner Nutzung und Erscheinung über die Jahrhunderte stark gewandelt. Er wurde früher zum Teil ganz anders und viel multifunktionaler genutzt. Wie heute wurde Holz geschlagen, Beeren und Pilze gesammelt, gejagt und der Wald als Erholungsraum genutzt. Es war aber auch völlig alltäglich, das Nutzvieh in den Wald zu treiben, wo es vielfältige Nahrung fand. Waldboden wurde wiederum entnommen und zur Düngung auf den Feldern ausgebracht. Dadurch entstand eine Landschaft, in der Wald, Weiden und Felder nicht so klar voneinander abzugrenzen waren, wie es heute zumeist der Fall ist.

Schweinehaltung im Wald kombiniert Tierwohl mit wirtschaftlicher Doppelnutzung der Fläche

Diese Mehrfachnutzung wird heute wiederentdeckt. Agroforstwirtschaft (5) ist eine Re-Innovation die Forstwirtschaft mit Ackerbau und/oder Weidehaltung kombiniert. Dann weiden Ziegen im Wald, Schafe in der Streuobstwiese oder Schweine unter Korkeichen. Dieselben Fläche kann multifunktional genutzt werden: Holz und Früchte werden geerntet und Tierhaltung betrieben. Dazu tragen die Bäume zur Ernährung der Tiere und artgerechten Haltung bei. Eine Win-Win-Win Situation. Eine andere Variante ist Forstwirtschaft mit Ackerbau zu kombinieren, z.B. indem Buschsäume kleinere Ackerflächen umschließen. Diese kleine aber wirksame Maßnahme verhindert dass der Boden durch Wind und Wasser abgetragen wird, bietet einen Schutzraum für Tiere und Rohstoffe für Hackschnitzel. 

Energie- und Nahrungsmittel auf einer Fläche

Ein ähnliches Prinzip verfolgt der Ansatz des Agrophotovoltaik. Erneuerbare Energien haben oftmals den schlechten Ruf in Konkurrenz mit Nahrungsmittelerzeugung (“Teller statt Tank”) zu stehen. Freiflächen-Photovoltaikanlagen bringen nicht nur grüne Energie und treiben die Energiewende voran, sie bieten auch spannende Optionen für eine Sekundärnutzung der Flächen. Beispielsweise kann Weidewirtschaft mit Schafen, Hühnern oder anderen Tieren betrieben werden. Außerdem ist durch Agrophotovoltaik eine Doppelernte von Nahrungsmitteln und Strom möglich: Zahlreiche Pflanzen wie Kartoffeln, Hopfen oder Salat gedeihen sehr gut unter den, zum Teil extra hoch angebrachten,  Photovoltaikanlagen. Wird der Strom direkt im Ort genutzt trägt die Anlage zudem zur regionalen Versorgung bei.

Leider zeigt sich auch bei diesem Thema, wie Verwaltungskriterien und Bürokratie sinnvolle Lösungen hemmen können. So gelten Flächen, auf denen Agrophotovoltaikanlagen stehen als versiegelt. Die Konsequenz: Landwirte können für diese Flächen keine Subventionen mehr erhalten (6). Um Anreize für Sekundärnutzung zu schaffen ist es nötig die Richtlinien entsprechend anzupassen.

Solarenergie und Pflanzenanbau geht gut zusammen

Landmanagement vermindert Nutzungskonflikte

Gerade wenn es um Interessenskonflikte zwischen Wirtschaft und Zivilgesellschaft geht helfen solche integrierten Ansätze meist nicht weiter. Wo eine Fabrik gebaut oder ein Tagebau gegraben wurde kann gleichzeitig kein Wald oder Dorf sein. Hier braucht es politische Prioritätensetzung und vermittelnde Formate und Strukturen um die bestmögliche Lösung für alle Beteiligten zu finden. 

Eine zentrale Rolle bei der Konfliktlösung könnten zukünftig so genannte Kulturlandschaftsmanager*innen spielen. In einem vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Projekt haben neun Wissenschafts-Praxis-Teams übertragbare und nachhaltige Ansätze erarbeitet (6). Ihr Fazit: Landmanager können eine Schlüsselrolle bei Landnutzungsproblemen und ihrer Lösung spielen. Sie haben ein breites Aufgabenspektrum und sollten zwischen mehreren Institutionen angesiedelt sein. Um zu wirken brauchen sie neben einer exzellenten Vernetzung auch stabsstellenartige Kompetenzen, hoheitliche Befugnisse und eine ordentliche Ressourcenausstattung. Landmanager*innen könnten auf kommunaler oder regionaler Ebene angesiedelt werden, beispielsweise analog zum Klimaschutzmanagement oder als Bestandteil der Regionalentwicklung.

Auch bei Flächennutzungskonflikten ist Beteiligung der Schlüssel für Akzeptanz und Verständnis. Denn nachhaltige Landmanagementlösungen sind nur dann tragfähig wenn sie nicht top-down entschieden werden. Sie müssen faktenbasiert, transparent, nachvollziehbar und unter Anhörung der Beteiligten und Betroffenen entwickelt werden.

Zum Weiterlesen: 
Susanne Schön, Christian Eismann, Helke Wendt-Schwarzburg, Till Ansmann (Hg.): Nachhaltige Landnutzung managen, Akteure beteiligen – Ideen entwickeln – Konflikte lösen
2019, 116 Seiten, ISBN: 978-3-7639-6027-9
Kostenloster Download unter: https://www.wbv.de/artikel/6004699

Quellen

(1) Deutscher Bauernverband (DBV) (2019): Situationsbericht 2018/19. URL: https://www.bauernverband.de/21-flaechennutzung-und-bodenzustand (zuletzt abgerufen am 28.03.2019)

(2) https://www.destatis.de/DE/Themen/Branchen-Unternehmen/Landwirtschaft-Forstwirtschaft-Fischerei/Flaechennutzung/siedlungs-verkehrsflaeche_aktuell.html 

(3) Henkel, Gerhard (2014): Das Dorf: Landleben in Deutschland – gestern und heute. Bonn: Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung

(4) Henkel, G. (2018). Rettet das Dorf! Was jetzt zu tun ist, Auflage 2,.München: dtv Verlagsgesellschaft

(5) https://agroforst-info.de/agroforstwirtschaft/

(6) Schmidt, J., Wendt-Schwarzburg, H.: Nachhaltige Landnutzung gelingt nur gemeinsam, in LandInForm Magazin für Ländliche Räume, Ausgabe 1/2020, Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE), Bonn, Deutsche Vernetzungsstelle Ländliche Räume (DVS)