Das Überland Festival – ein kurzer Rückblick auf ein inspirierendes und vergnügliches Wochenende

Vom 11.-13. September 2020 fand im Kühlhaus bei Görlitz das Überland-Festival statt. Drei Tage voll mit interessantem Input, Diskussionen und eine bunte Mischung aus inspirierenden Persönlichkeiten voller Tatendrang. Angekündigt war ein Festival voll geballtem Wissen, neuen Ideen und inspirierenden Menschen. Ein Anlass zum Feiern, Austauschen, Werken, Ausprobieren und Vernetzen – und das war es in der Tat. Ein Festival das Spaß und Mut macht.

Das Festival der Akteure 

Das Überland-Festival ist ein Fest für alle Menschen, die das Landleben neugestalten. Ob Hofprojekt, Co-Working Retreat oder Initiative die Leerstand kreativ nutzt – beim Überland-Festival standen die Akteure, die den Wandel in den Dörfern aktiv vorantreiben im Zentrum. Hier kamen Macherinnen und Macher aus allen Regionen zusammen, um Erfahrungen auszutauschen, sich zu vernetzen, Kräfte zu bündeln und gemeinsam Ideen zu entwickeln. Auch die Unterstützer*innen aus Politik, Verwaltung und den zahlreichen Netzwerken, die sich in den letzten Jahren rund um das Thema gebildet haben, sind vertreten. Hier wurde beratschlagt, wie der Strukturwandel in ländlichen Regionen gelingen kann. Menschen trafen sich, die über gesellschaftspolitische Fragen nachdenken und gemeinsam Lösungen dafür entwickeln wollen – im Großen wie im Kleinen. 

Zahlreiche Akteure, Initiativen und Netzwerke zeigen ihre Projekte und Arbeit

So wie die Landaktivist*innen ihr Lebensumfeld gestalten und die Dinge selbst in die Hand nehmen, so waren sie auch beim Festival aktiv. Ob Vortrag, Diskussionsbeitrag, Workshop oder Beratungsangebot, jede*r der/die etwas beitragen wollte, konnte dies auch tun. Eine gelungene Mischung aus organisiertem Programm und Self-Made-Atmosphäre. Es ist zu spüren, welche Dynamik und Professionalität in der Graswurzelbewegung steckt, die stetig zu einer immer größeren Bewegung wird. 

Diskussionen und Austausch im Grünen

Ein gelungenes Event trotz Corona

Allein durch die Corona-Situation in den letzten Monaten war es schon etwas Besonderes mal wieder ein Wochenende mit verhältnismäßig vielen Menschen in entspannter Festival-Atmosphäre zu verbringen. Und die Voraussetzungen dafür waren optimal: ein weitläufiges Gelände mit schöner und abwechslungsreicher Außenfläche, bestes Wetter, um die ganze Zeit draußen zu verbringen und verantwortungsvolle Teilnehmende und Organisator*innen. Für alle die nicht dabei sein konnten gab es einen Live-Stream. 

Frühstück in Picknick-Atmosphäre

Wir saßen entspannt – mit Abstand – zwischen Bäumen oder unter einem Zirkuszelt, es gab Sofas auf der Wiese, Lagerfeuer und eine Leinwand, um auch aus größerer Entfernung sehen zu können wer diskutiert und vorträgt. Abends sorgten Bands für Stimmung – endlich mal wieder zu live-Musik tanzen. Alles war gut über das Gelände verteilt, so dass keine Enge und auch keine bedrückende Leere entstand. So kommt das Überland-Festival ohne strikte Besucherführung und beklemmende Absperrungen aus. 

Grit Koalick erzählt von ihrer Methode die Zukunft von Dörfern zu zeichnen
Abstandstanz statt Engtanz beim Konzert am Samstag Abend

Ein Festival der Neulandgewinner

Ein Begriff den man bei diesem Event immer wieder lesen und hören konnte war “Neulandgewinner”. 

Neulandgewinner sind zum einen Titelträger*innen und Teil des gleichnamigen Förderprogramms. Zum anderen Menschen, die selbst anpacken, um den Wandel in ihren Dörfern voranzutreiben , die sich entschieden haben von Zuschauer*innen zu Macher*innen zu werden. 

Neulandgewinner. Zukunft gewinnen vor Ort“ heißt das Programm der Robert Bosch Stiftung, dessen Ziel die Stärkung der Zivilgesellschaft insbesondere in den ländlichen Räumen Ostdeutschlands ist. Alle zwei Jahre wählt eine Jury bis zu 20 Personen aus, die jeweils rund 50.000 Euro Förderung zur Umsetzung ihrer Neulandgewinner-Idee erhalten. Neben der finanziellen Unterstützung erhalten die Neulandgewinner*innen eine Begleitung von Mentor*innen des Thünen-Instituts für Regionalentwicklung (welches mit der Umsetzung des Programms beauftragt ist) und vernetzten sich untereinander und mit Politik, Wirtschaft und Verwaltung. (1)

Die Neulandgewinner sind über ganz Ostdeutschland verteilt

Im Verein “Neuland gewinnen e. V.” verbinden sich viele der Ausgezeichneten dieses Programms mit vielfältigen anderen Aktiven, die etwas in ihren Regionen bewegen wollen. 

“Neulandgewinner, das ist eine Bewegung von Menschen, die glauben, dass gute Heimat nicht einfach so vom Himmel fällt, oder von der Politik verordnet wird. Menschen, die wissen, dass wir heute neue Wege gehen müssen, um morgen gut miteinander leben zu können. Menschen, die gesellschaftliche Veränderungen als Chance sehen, und nicht als Gefahr. Neulandgewinner, erfinden heute unser Zuhause von morgen. Sie packen die Dinge gemeinsam an – voller Vertrauen, experimentierfreudig, eigensinnig, vielfältig und vor allem eins: Wild entschlossen!”(2)

Der Ort: das Kühlhaus Görlitz

Eines dieser Neulandgewinner-Projekte ist gleichzeitig der Veranstaltungsort des Überland-Festivals: das Kühlhaus Görlitz.

Das Kühlhaus ist Zentrum des Geländes

Wie der Name schon sagt, ist es ein ehemaliges Kühlhaus, welches genau so an verschiedenen Orten in Ostdeutschland zu finden ist. In der ehemaligen DDR diente es dazu, die Versorgung der Bevölkerung im Krisenfall zu sichern. 

Überall auf dem Gelände finden sich liebevoll gestaltete Tore und Räume

2006 entdeckte es eine Initiative junger Menschen für sich. Zwei Jahre später hatten sie den Eigentümer, die Frigolanda Dresdner Kühlhaus GmbH, zu einem Treffen bewegt. Das Projekt überzeugte und der Eigentümer entschied, das Projekt zu unterstützen. Von da an übernimmt er wichtige Baukosten, gibt Rat bei Genehmigungen, finanziert Maschinenmieten und Baumaterialien. Dennoch wird der soziokulturelle Begegnungsort nur durch die enormen Anstrengungen zahlreicher Freiwilliger, möglich. Seit 2013 finden hier Veranstaltungen wie Konzerte, Workshops, Filmvorführungen und Seminare statt. Doch nicht nur das, es wurde ein Campingplatz und Übernachtungsmöglichkeiten in alten Garagen geschaffen und zahlreiche Verweilorte drinnen und draußen. Und der Ort entwickelt sich stets weiter: Atelierflächen entstehen und bieten Selbständigen und Freiberufler*innen im Bereich der Kultur- und Kreativwirtschaft eine Ausgangsbasis für ihr Wirken und Schaffen. Ein tolles Beispiel für einen Innovationsort der nicht nur die “Locals” anzieht.

Blick auf Ateliergebäude und Pavillon
Mehrere mobile Bars versorgen die Teilnehmenden mit Getränken
Abendstimmung im Pavillon

Aus meinem Notizbuch

Menschen, Ort und Programm – alles spannend und viel zu viel, um alles erleben zu können. Es ist unmöglich jedem Vortrag zu lauschen und mit allen Personen zu sprechen, ebenso ist es nicht möglich umfassend zu berichten. Deshalb ein kurzer Einblick in mein persönliches Notizbuch und drei Gedanken die ich von diesem Wochenende mitnehme.

Ein Ausschnitt aus dem diversen Programm

Creative places brauchen eine creative community

In der Tat, eine noch so tolle, kreative Idee für einen Innovationsort wird nicht lebendig ohne die Menschen die sie nutzen und sich einbringen. Der Ort braucht die richtigen Menschen und die Menschen den für sie richtigen Ort. Beides ist eng miteinander verflochten und bedingt sich. Um diese fruchtbare Symbiose herzustellen wurden verschiedene Herangehensweisen besprochen.

Die gemeinwohlorientierte Genossenschaft CoWorkLand unterstützt Menschen in ländlichen Regionen bei der Gründung und im Betrieb von Coworking-Spaces. Eine Standortanalyse, die so genannte Anamnese, ist dafür ein wesentliches Werkzeug. Hier werden vor allem die Bedarfe der lokalen Bevölkerung und das Potenzial für das Arbeiten im Dorf oder der Kleinstadt in den Blick genommen. Die so entstehenden “Hybriden Orte” unterscheiden sich dabei oft stark von den üblichen Coworking-Konzepten in der Stadt. Es entstehen vielseitig nutzbare Räume von Menschen aus der Region für Menschen in der Region.

Ein anderer Ansatz ist, gezielt Menschen aus anderen Regionen, vor allem städtischen Ballungsräumen in den Innovationsort zu holen. So entstehen Konzepte die stärker den Fokus auf Veranstaltungen, Seminare oder Workation, die Verbindung von Arbeit und Urlaub legen. Übernachtungsmöglichkeiten und Freizeitangebote sind hier ein elementarer Bestandteil. Ein prominentes Beispiel ist das Coconat, ein creative place südlich von Berlin, der gerne von Externen zum Arbeiten in ländlicher Umgebung genutzt wird.

Veränderung bedeutet auch Kulturwandel

Auch wenn so manches Projekt wie ein fremder Planet im Dorf erscheint, alle sind eng verwoben mit dem Dorf und seinen sozialen Systemen. Ob Creative Place, Impulsort oder Inspirationsdorf – die Begriffe sind Vielfältig. Eines haben alle Vorhaben und Projekte jedoch gemein: sie verändern ländliche Gemeinschaften nachhaltig. Das Wirken der Landaktivist*innen verändert die Region. Der ländliche Kulturwandel, der von ihnen ausgelöst wird, kann mit positiven sowie negativen Effekten einher gehen. Dabei entscheidet nicht was die Leute sagen, sondern was die Leute tun – so der Soziologe Heinz Bude. 

Einige Projekte strahlen aus und tragen zum Beispiel durch die Schaffung von Arbeitsplätzen und Akquise von Fördermitteln wesentlich zur Regionalentwicklung bei. Andere Projekte haben Konflikte mit Nachbar*innen, die sich durch Veranstaltungen und Tourist*innen gestört fühlen.

Die Aktiven auf dem Überland-Festival sind sich ihrer Rolle und Verantwortung bewusst. Kritisch wird über den eigenen Beitrag zu einer drohenden Gentrifizierung oder Spekulation mit Bodenpreisen in manch ländlicher Region gesprochen. Strategien wie kollektive Eigentumsstrukturen werden diskutiert und Erfahrungen bei der Lösung von Konflikten ausgetauscht. 

Netzwerkburnout

Netzwerke sind wichtig – keine Frage. Sie bündeln Wissen, Aktivitäten, Ressourcen. Sie schaffen Verbindungen zwischen Gleichgesinnten in verschiedenen Regionen. Stärken die überall über die Bundesrepublik verstreuten Akteure und Gruppen. Die Themen und Herausforderungen in ländlichen Räumen sind überregional ähnlich, aber keineswegs gleich. Insofern sind Netzwerke, in denen man voneinander lernen kann und eine gemeinsame Lobby entstehen kann umso wichtiger. Doch inzwischen gibt es so viele Netzwerke und Gruppen, dass es schwer fällt den Überblick zu behalten. Kaum eine*r die/der nicht in mehreren Netzwerken vertreten und aktiv ist. Das Stichwort des “Netzwerkburnout” steht im Raum und die Forderung Netzwerke zusammen zu fassen und sinnvoll zu bündeln. Ich bin gespannt was in diesem Feld in den nächsten Monaten und Jahren passiert.

Ich freue mich auf jeden Fall schon auf das nächste Überland-Festival.

Quellen:

(1) https://neulandgewinner.de/images/PDF/2018_12_30_NLG_WEB_ES.pdf

(2) https://www.neulandgewinner.de/