Umwelt ohne Natur? Projekte und Strategien für mehr Naturschutz in der Fläche

Letzte Woche haben wir über das komplexe Thema der Flächennutzung in ländlichen Regionen berichtet. Siedlungen, (Land-) Wirtschaft und Infrastrukturbauten beanspruchen immer größere Flächen – der Druck auf ländliche Regionen wächst. Aber auch die Notwendigkeit Maßnahmen zum Umwelt- und Klimaschutz zu ergreifen wird angesichts des Klimawandels und dem Rückgang der Artenvielfalt immer dringlicher. Heute legen wir den Fokus darauf, was konkret für Tiere, Pflanzen, Klima getan werden kann.

Emissionen wirken sich großräumig auf die Umwelt aus

Die Ökosysteme haben in Folge der wirtschaftlichen Entwicklungen und politischen Entscheidungen Schaden genommen. Der rasante Wirtschaftsaufschwungs in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der damit einhergehende unbedachte Umgang mit den natürlichen Ressourcen führte zu einer besonders hohen Umweltbelastung. Es ist spürbar: der Einfluss des menschlichen Wirtschaftens bringt die natürlichen Systeme aus der Balance. Durch Emissionen aus Industrie und Landwirtschaft gelangen zunehmend mehr Schad- und Giftstoffe in das Ökosystem. Die Luft-, Wasser- und Bodenqualität sinkt teilweise bis ins gesundheitsschädigende Ausmaß. Vor allem in den 70er Jahren waren die Auswirkungen enorm. Begriffe wie Waldsterben und Bilder von toten Fischen im Rhein, prägten das ökologische Bewusstsein von vielen. In der Folge entstanden zahlreiche Initiativen zum Naturschutz und nach und nach gingen Umweltschutzmaßnahmen auch in die Gesetzgebung ein (1). Auch heute ist die Umweltbelastung durch Industrie und Verkehr ein großes Thema. Luftqualität und Feinstaub sind im Zuge des Diesel–Desasters vermehrt in den Fokus der Öffentlichkeit geraten.

Diese Demonstrantin bringt es auf den Punkt

Das Bewusstsein der Erzeuger*innen und Verbraucher*innen für die Notwendigkeit des Natur- und Umweltschutzes ist in den letzten Jahren gestiegen. Die Auswirkungen menschlichen Handelns zeigen sich weltweit durch Temperaturerhöhungen und häufigerem Auftreten von Wetterextremen. Immer mehr Menschen bemühen sich um eine ökologische und nachhaltige Lebensweise und Diskussionen über alternative Wirtschaftsformen werden präsenter. Ansätze wie die Post–Wachstumsökonomie, Gemeinwohlökonomie und Kreislaufwirtschaft werden diskutiert und in Ansätzen getestet. 

Umweltfreundlicher Landwirtschaften

Die Notwendigkeit anders zu Wirtschaften betrifft in ländlichen Regionen vor allem die Landwirtschaft. Die landwirtschaftliche Produktion wurde in den letzten Jahrzehnten stark intensiviert. Technologische Entwicklungen wie Züchtungen, Dünge- und Pflanzenschutzmittel sowie immer effizientere Landmaschinen haben zu höheren Erträgen und die industrielle Landwirtschaft  immer unabhängiger von Umweltfaktoren gemacht. Diese Entwicklung hat aber auch weitreichende Folgen für Mensch, Tier und Natur. Der Versuch möglichst unabhängig von Wetter und Boden hohe Erträge zu erwirtschaften führt die Ressourcen und Systeme zum Teil an die Grenzen ihrer Belastbarkeit.

Dabei sehen sich viele der Betriebe in einer schier unvereinbaren Zwickmühle: Ökologie und Umweltschutz auf der einen Seite, Wirtschaftlichkeit und das Bestehen im globalen Wettbewerb auf der anderen Seite.Hier wird deutlich: es braucht mehr Forschung und den flächendeckenden Einsatz wirklich tragfähiger Alternativen – für die Natur aber auch für das Überleben der landwirtschaftlichen Betriebe.

Permakultur – eine globale Bewegung

Seit einigen Jahren experimentieren Menschen weltweit mit diesem Konzept des integrierten Anbaus – zum Teil mit erstaunlichen Erträgen auf kleinen Flächen. Dabei setzen sie vor allem auf die Beobachtung der natürlichen Abläufe, das Hinterfragen von gelebter Praxis und die Wiederentdeckung alten Wissens. Das Konzept der Permakultur ist in vielen Teilen eine Re-novation, das heißt der Innovative Kern ist die Wiederbelebung traditioneller Kulturtechniken und die neue Kombination von bereits bekanntem. Permakultur zielt auf die Schaffung von dauerhaft funktionierenden (permanent) nachhaltigen Kreisläufen und Wirtschaftsformen ab. Das Denkprinzip wurde Mitte der 1970er Jahre für die Landwirtschaft entwickelt und umfasst inzwischen auch Bereiche wie Energieversorgung, Landschaftsplanung und die Gestaltung sozialer Infrastrukturen.

Der Grundgedanke basiert auf einem langfristig ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltigem Wirtschaften mit allen Ressourcen. 

Menschen die ihren Garten oder ihren Betrieb nach Permakultur bewirtschaften setzen bewusst auf geschlossene Nährstoffkreisläufe, geschicktes Wassermanagement, symbiotische Pflanzengesellschaften und stellen gewohntes in Frage. Beispielsweise werden Pflanzen zum Teil bewusst dicht an dicht gepflanzt – das bedeckt den Boden und verhindert so einerseits die Verdunstung von Oberflächenwasser und die Erosion, zum anderen verschatten die Blätter unerwünschte Beikräuter, was den Einsatz von Pestiziden unnötig macht. 

Der Erhalt des gesunden Bodens ist für die Permakultur wesentlich

Pestizidfreie Kommunen

Durch die verbreitete Nutzung von chemischen Produkten wie Pestizide und Fungizide in der intensivierten Landwirtschaft gelangen diese vermehrt in die natürlichen Kreisläufe. Unlängst hat eine Studie die flächendeckende Verbreitung von Pestiziden und deren Abbaustoffen, zum Teil weit entfernt von ihren Einsatzorten, nachgewiesen (2). Pflanzenschutzmittel, aber auch Medikamente und Mikroplastik lassen sich inzwischen selbst in unseren Lebensmitteln finden – die vielfältigen Auswirkungen auf Mensch und Umwelt sind heute noch kaum absehbar. 

Immer mehr Bürger*innen machen gegen Umweltgifte mobil

Immer mehr Gemeinden und Kommunen entscheiden sich bewusst gegen den Einsatz von Pestiziden, insbesondere von Glyphosat. Ob es darum geht die industrielle Landwirtschaft zurück zu drängen, Biobauern vor Verwehungen der Gifte auf die eigenen Flächen zu Schützen, Natur- und Artenschutz zu betreiben oder sich bei der Tourismuswerbung positiv zu präsentieren – die Gründe sind vielfältig. Pestizidfreie Gemeinden setzen ein Zeichen für mehr Umweltschutz und gesündere Lebens- und Arbeitsbedingungen in ländlichen Regionen. Vorreiter in diesem Bereich ist der kleine Ort Mals in Norditalien, einem Gebiet in dem vor allem Äpfel auf großen Plantagen angebaut werden. Die Geschichte des ungleichen Kampfes der Menschen in Mals gegen die Agrarlobby und für Vielfalt, Schönheit und Eigenart erzählt der Film “Das Wunder von Mals”.

Durch Allmenden und Genossenschaften Land sichern

Gemeinschaftlicher Besitz kann eine wichtige Rolle dabei spielen, wenn es darum geht Flächen zu sichern und dem Markt zu entziehen. Die Menschen die sich zusammenschließen um gemeinschaftlich Boden zu erwerben entscheiden auch über deren Nutzung. 

So können Genossenschaften ein geeignetes Mittel sein die ökologische Bewirtschaftung der Flächen sicher zu stellen und somit einen Beitrag zur umweltverträglicheren Nutzung zu leisten. Ein Beispiel hierfür sind die BioBoden-Genossenschaft und die Kulturland eG. Sie kaufen Äcker und überführen sie in den Besitz der Genossenschaft. Diese werden dann an Biobetriebe verpachtet. Zweck ist neben der Förderung der ökologischen Landwirtschaft vor allem auch der Schutz vor Bodenspekulation. Was mit Äckern funktioniert geht auch mit Waldflächen. Durch Genossenschaftsanteile einer Waldgenossenschaft kann jede*r Waldbesitzer* in werden, ohne dabei selbst Hand anlegen zu müssen. So eröffnet sich beispielsweise die Möglichkeit Waldflächen als echten Bürgerwald multifunktional zu nutzen und ökologisch verträglich zu bewirtschaften. Integrierte Konzepte wie die Agroforstwirtschaft ließen sich so gemeinschaftlich umsetzen.

Land kann man auch gemeinschaftlich Besitzen

Einen ähnlichen Weg geht das kleine Dorf Stilfs – auch ein Beispiel das ich von einer Reise durch Südtirol mitgebracht habe. Die Bewohner des kleinen Bergdorfes haben sich dazu entschlossen, gemeinschaftlich die Grundstücke um ihren Ort aufzukaufen. Der Ort besteht aus wenigen Häusern, die sich malerisch am steilen Hang drängen. Die Grasflächen um das Dorf, die sich bis zum Waldrand erstrecken, wurden traditionell zur Selbstversorgung genutzt und prägen den Charakter der Landschaft wesentlich. Hier und da befinden sich kleine Gärten in denen die Stilfser*innen Gemüse, Kräuter und Blumen anpflanzen. Diese traditionelle Kulturlandschaft möchten die Bewohner*innen erhalten und sicher gehen, dass die Berghänge nicht weiter bebaut werden und das Gelände auch in Zukunft offen und für alle zugänglich ist. Stück für Stück werden zum Verkauf stehende Flächen erworben und in die Allmende überführt. 

Schutzzonen für Tiere schaffen

Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln gegen Fraßfeinde, Krankheiten, Pilze und Unkräuter führte dazu, dass Giftstoffe in die Umwelt eingebracht wurden. Die Folge: Es gibt immer mehr gefährdete Arten – mancherorts sind kaum mehr Blühpflanzen wie Kornblumen und Klatschmohn zu finden. Die Zahl der Vögel und kleineren Wildtiere wie Rebhühner, Eulen und Hasen geht immer weiter zurück. Die Menge der Biotope ist geschrumpft und die Anzahl der vom Aussterben bedrohten Arten gestiegen

Blumenwiesen, nicht nur schön sondern für viele Tiere und Pflanzen vor allem überlebenswichtig

Ein wirksames Mittel sind so genannte Blühstreifen: Ackerflächen auf denen gezielt Blühpflanzenmischungen ausgebracht werden, die nicht direkt der Nahrungsmittel- oder Energiepflanzenerzeugung dienen. Hier wachsen und blühen vielfältige Pflanzen und bieten Insekten, Vögeln und anderen Tieren Lebensräume und Nahrungsquellen. Durch sie soll einerseits der schwindenden biologische Vielfalt auf den Äckern entgegengewirkt werden, andererseits helfen sie auch die abgenommene Insektendichte zu stabilisieren und so die Bestäubung der Kulturpflanzen zu sichern.

Ein Projekt aus dem Baden-Württembergischen Heckengäu hat diese etablierte und geförderte Maßnahme weiterentwickelt und ist zum Vorbild für viele andere Regionen geworden. Hier wurden Blühflächen speziell für Rebhühner angelegt und so neue Lebensräume geschaffen. Der Bestand des seltenen Vogels war seit 1980 europaweit um 94% gesunden, auch in Deutschland gilt er als stark gefährdet. Zu Beginn des Projektes wurde die Region kartiert und genau erfasst wo noch Rebhühner leben, bzw. welche Orte sich für diese Art besonders gut eignen. Auf diesen Flächen wurden spezielle Blühmischungen, die auf die Bedarfe des Rebhuhns abgestimmt und eigens von der Universität Göttingen entwickelt wurden, ausgebracht. Zudem wurde seltener gemäht und Schilder aufgestellt, die Spaziergänger*innen informieren. Die Maßnahmen zeigen Erfolg: inzwischen beteiligen sich im Landkreis 19 Landwirte auf einer Fläche von 15 Hektar und dem Landschaftserhaltungsverband wurden zahlreiche Rebhuhnsichtungen berichtet.(3)
Ein kluger Ansatz der nicht nur auf andere Regionen übertragbar sondern auch für anderen Tierarten adaptierbar ist.   

Methode: der leere Stuhl

Unsere Zukunftsentscheidungen wirken sich nicht nur darauf aus wie wir Menschen zusammen und auf dem Planeten leben, sondern auch auf das Ökosystem und auf zukünftige Generationen. Wir entschieden auch für diese Akteure mit. Selbst in partizipativen Prozessen, sitzen diese Interessensgruppen zumeist nicht mit am Tisch. Eine Methode die ich gerne anwende ist der leere Stuhl. Er repräsentiert symbolisch die zukünftigen Generationen mit ihren Interessen und Bedürfnissen, kann aber auch für die Umwelt, die Tiere und Pflanzen stehen. Die konkrete Umsetzung der Methode kann unterschiedlich sein: Ob ein einzelner Stuhl oder mehrere für diese Akteure freigelassen werden, ob dort ein Bild eines Polarbären, eines Rotkehlchens oder einer seltenen Pflanzenart platziert wird oder ob ein Mensch die Interessenvertretung übernimmt und als aktiver Fürsprecher mit an der Diskussion teilnimmt, kommt auf den jeweiligen Prozess und das Format an. Eines ist für mich jedoch klar: Natur und Enkelgenerationen sollten immer einen Platz in Gremien, Zukunftswerkstätten und Entscheider*innenrunden haben.

Ein freier Stuhl repräsentiert die Interessen von Natur und künftigen Generationen

Quellen:

(1) Henkel, Gerhard (2014): Das Dorf: Landleben in Deutschland – gestern und heute. Bonn: Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung

(2) http://www.umweltinstitut.org/aktuelle-meldungen/meldungen/2020/pestizide/pestizidrueckstaende-in-der-luft-wir-haben-nachgemessen.html

(3) Tubée, P., Smith, B.: Rettet das Rebhuhn. In: Land in Form Spezial 8/2019. Deutsche Vernetzungsstelle Ländliche Räume
https://www.leader-heckengaeu.de/foerderung/leader-projekte/102-schutz-des-rebhuhns