Urlaub auf dem Lande – nicht nur in Corona-Zeiten beliebt

Sommerzeit – Urlaubszeit. Doch auch in puncto Urlaub ist dieses Jahr vieles anders als gewohnt. Reisewarnungen, Maskenpflicht an Strandpromenaden und à la Carte statt überbordende Buffets – Corona macht auch vor unserer wohlverdienten Erholungsreise nicht halt. Dabei wünschen sich gerade jetzt viele Menschen nicht Urlaub mit Corona-Maßnahmen sondern vor allem auch Urlaub von den Corona-Maßnahmen. 

Das natürliche Erholungspotenzial des ländlichen Raumes: die Landschaft, das gesunde Klima und schöne Ortsbilder ziehen seit jeher Besucher*innen an. Nationalparks und Baudenkmäler wie Schlösser, Burgen und Mühlen aber auch Brauchtum und historische Feste sind beliebte Touristenattraktionen.  Dies kommt den meisten ländlichen Regionen zu Gute.

Feste und Brauchtumsveranstaltungen ziehen oft Einheimische und Touristen gleichermaßen an

Wie der Tourismus zum wichtigen Wirtschaftsfaktor in ländlichen Regionen wurde

Im 18. Jahrhundert etablierten sich die ersten Heilquellen, der Kur- und Bädertourismus an Küsten, Seen und Gebirgen entwickelte sich. Auch wenn sich die Angebote an den Adel und das gehobene Bürgertum aus der Stadt richteten, veränderte dies die ländliche Wirtschaft enorm. Mit dem Beginn des Tourismus verbreiteten sich verstärkt Dienstleistungsberufe auf dem Land. Hotels, Gastronomie, Kur- und Wellnessbetriebe sowie die zahlreichen Freizeiteinrichtungen brauchten schließlich Personal – und generierten vielfältige Arbeitsplätze. 

Die Dorfbevölkerung schuf sich über die Zeit weitere Erwerbsquellen in ländlichen Angebotsnischen wie Freilichtmuseen, Erlebnisparks und Sportevents. Es entstanden neue Wirtschaftszweige und Arbeitsplätze, welche vielerorts zur ökonomischen, sozialen und baulichen Stabilisierung der Regionen beitragen.

Etliche Landwirte haben sich im Tourismusbereich ein zweites ökonomisches Standbein geschaffen. Viele Bäuerinnen und Bauern richteten Fremdenzimmer ein und bieten »Ferien auf dem Bauernhof« an. Etwa 25.000 landwirtschaftliche Betriebe nehmen Feriengäste auf. Die Tourist*innen genießen, neben der Erholung auf dem Lande, den unmittelbaren Kontakt zu den Bauernfamilien und den Tieren.

In der modernen Gesellschaft steht immer mehr Zeit für Erholung und Reisen zur Verfügung. Auch die Zunahme von Mobilität und die allgemein mobilere Gesellschaft hat den Tourismus in ländlichen Regionen gefördert. So erfasst im 19. Jahrhundert der Fremdenverkehr immer größere Landstriche und der Tourismus verbreitet sich weitgehend flächendeckend im ländlichen Raum. (1)

2020: Lokale, ländliche Urlaubsziele statt globale Metropolen

Gerade auf den Urlaubsorten liegt aktuell der Fokus der Aufmerksamkeit. Waren es doch diese, von denen aus sich Corona in ganz Europa verbreitete. Das Virus reiste wie im Trojanischen Pferd aus dem Skiurlaub in Südtirol oder Ischgl mit in die Heimatregion. Umso größer sind nun die Befürchtungen, dass sich dies wiederholen könnte.

Kneipen und Lokale in Urlaubsorten haben es aktuell weltweit schwer

Eines ist deutlich erkennbar, der Städtetourismus gehört dieses Jahr durch Corona zu den Verlierern. Durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie haben die Städte an Attraktivität verloren. Weniger kulturelle Veranstaltungen und kaum Nachtleben, bei dennoch hoher Dichte – für viele Menschen in 2020 wenig verlockend. Das schlägt sich in sinkenden Übernachtungszahlen nieder (2). Die Gäste aus dem Ausland bleiben oft ganz aus, Touristen aus dem Inland kommen oft nur am Wochenende und bleiben maximal für ein bis zwei Nächte – zu wenig für eine kostendeckende Auslastung.

Lokaler Urlaub ist dieses Jahr angesagt. Statt der Flugreise oder dem Trip nach Italien verbringen die Menschen lieber ein paar entspannte Tage in den Bergen oder an der Ostsee. Hier fühlen sich viele sicherer. Allgemein verbringen die Deutschen ihre Ferien gerne im eigenen Land. Die Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen hat in der Reiseanalyse 2019 herausgefunden, dass mehr als 25% der Deutschen Urlaub im eigenen Land gemacht haben. 

Das Kompetenzzentrum Tourismus des Bundes schätzt dass sich der Inlandstourismus bis Ostern 2021 wieder normalisieren könnte, der internationale Reiseverkehr jedoch eher in den nächsten 2-3 Jahren. (3)

Durch Corona erfährt der Inlandstourismus ein Revival

Nicht alle ländlichen Regionen profitieren

Tourismus ist ein wichtiges wirtschaftlichen Standbein, vor allem für Küsten-, See- und Gebirgsregionen, Inseln oder Weinanbaugebiete (1). Doch längst nicht alle ländlichen Regionen profitieren von der neuen Liebe zum Inlandstourismus. Während die Küstenorte und Unterkünfte in den Hoch- und Mittelgebirgen praktisch ausgebucht sind, haben die Unternehmer*innen andernorts weniger Gäste als vor Corona üblich (4). Ausländische Touristen bleiben vielfach aus, manche verbringen ihren Urlaub lieber zu Hause im Garten (5).  

“Wir haben qualitativ hochwertige Angebote in der Fläche. Wir müssen die Angebote bekannter machen, um die Besucherströme zu entzerren.”

(Dirk Dunkelberg, Stellv. Geschäftsführer des Deutschen Tourismusverband, im Interview mit den Tagesthemen am 13.07.2020)

Perspektiven für den Inlandstourismus 

Undertourism als Chance für wenig touristische Orte

Der Trend des Undertourism – als Gegenbewegung zum Overtourism, kehrt die gewohnte Logik um. Gefragt ist nicht das besondere, die beeindruckenden Metropolen und Traumziele die die Massen anziehen, sondern eher das Gewöhnliche und Bodenständige. Das Aufregende dabei ist selbst herauszufinden, was es an den weniger bekannten Zielen zu entdecken gibt. Colmar statt Venedig und Bergamo statt Barcelona, die Reisenden zieht es auch an gänzlich unentdeckte Orte in der Ukraine oder in den Norden Albaniens mit seinen unberührten Tälern und Seen (6). Ein Trend, der bestimmt auch das ein oder andere Dorf in Deutschland in ein neues Licht rückt.

Corona als Treiber für nachhaltigen Tourismus 

Sanfter Tourismus gehört bereits seit einigen Jahren zur Zukunftsstrategie einiger Regionen in Deutschland. Die ökologischen Folgen des Massentourismus Zunehmend geraten zunehmend in die öffentliche Wahrnehmung. Im Sinne eines sanften bzw. nachhaltigen Tourismus streben viele Gemeinden einen Tourismus an, der im Einklang mit Dorf und Natur steht und den Erholungswert der Landschaft nicht beeinträchtigt. Denn gerade die Natur ist es, die in ländlichen Räumen meist die Grundlage und gleichzeitig Leidtragende von Tourismusaktivitäten, ist. Mancherorts tragen sie massiv zur Umweltbelastung bei, beispielsweise in den Alpen wo Rodungen und Wasserknappheit nur zwei Beispiele diverser Auswirkungen des Skitourismus sind.

Der Tourismus geht mit erheblichen Eingriffen in die Landschaft und das Ökosystem einher, ist aber in vielen Regionen wirtschaftlich unverzichtbar. Die Fremdenverkehrsorte befinden sich im Spagat zwischen ökonomischer Sicherheit und Naturschutz und vollziehen immer häufiger eine Kehrtwende zurück zu einem naturverträglichen, sanften Tourismus, der im wesentlichen auf Entschleunigung und Reduktion basiert. Das greift ein wichtiges Bedürfnis der Urlaubenden in Coronazeiten auf: Ruhe und Entspannung zu finden und der als bedrohlich empfundenen Dichte in den Städten zu entfliehen. 

Platz und wenige Menschen – für Viele der ideale Urlaub in 2020

Quellen

(1) Henkel, G. (2014). Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute. Bonn: Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung

(2) https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/07/PD20_272_45213.html;jsessionid=3042A94722389BB7F5BB1549B7CAED61.internet8741

(3) Podcast: Mal Angenommen – Folge 14.5.2020: Wie Corona Urlaubsreisen verändern könnte

(4) https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/Kueste-und-Harz-Volle-Betten-trotz-Corona,tourismus988.html

(5) Tagesschau vom 13.7.2020 – Beitrag: Kein Urlaubsboom in Binnenregionen Deutschlands

(6) https://www.wiwo.de/unternehmen/dienstleister/sechs-tourismustrends-fuer-2020-die-deutschen-reisen-teurer-und-aufwaendiger/25506330.html