Warum Bürgerbeteiligung? 10 gute Gründe für Partizipation

Letzte Woche haben wir darüber geschrieben, dass in den letzten Jahren bei immer mehr Bürgerinnen und Bürgern das Bedürfnis nach mehr Mitsprache entstand. Auch die Politik und Planung sieht zunehmend den Nutzen und die positiven Auswirkungen von Bürgerbeteiligung. 

Wenn es um große Veränderungen im Ort geht, ist das im wesentlichen das Feld der Politik und der Planung. Haupt- und ehrenamtliche Politikerinnen und Politiker sind gewählte Vertreter*innen, die sich mit wesentlichen Entscheidungen für ihre Gemeinde befassen: Wie können Probleme vor Ort angegangen werden? Was macht unser Dorf zu einem guten Ort für uns und unsere Kinder? Was soll mit nicht mehr benötigten Infrastrukturen oder Gebäuden passieren? Planerinnen und Planer sind die Profis wenn es darum geht Orte zu gestalten, Räume zu verändern und Visionen entstehen zu lassen. Bei so viel Expertise – warum ist es sinnvoll die Bürger und Bürgerinnen in die Diskussion von Zukunftsfragen und Planung miteinzubeziehen?

1. Bürgerbeteiligung moderiert den Dialog über die Zukunft

Durch Bürgerbeteiligung können Politiker*innen die Menschen in ihrer Gemeinde mit in politische Entscheidungen einbeziehen. Gerade wenn es um wichtige Weichenstellungen für die Zukunft geht, sollte die ganze Gemeinde an einem Strang ziehen. In Beteiligungsformaten können sich Bürger*innen, zivilgesellschaftliche Akteure und Entscheidungsträger*innen schon früh über strategische Fragestellungen verständigen und die beste Lösung für ihren Ort finden. Zwar ist man als Dorfgemeinschaft oft im engen Kontakt zueinander, man tauscht sich aus, im Alltag auf der Straße, beim Bäcker, vor der Kita. Dabei geht es auch um Zukunftsthemen. Doch der moderierte und strukturierte Austausch im Rahmen eines Beteiligungsprozesses ist etwas anderes als ein Gespräch zwischen Tür und Angel oder am Stammtisch. Am Ende steht ein konkretes Ergebnis, das für alle nachvollziehbar entstanden ist. 

2. Bürgerbeteiligung nutzt wertvolles Wissen der Bürger*innen

Brauchen wir eher ein Café oder ein Jugendzentrum? Dorfbewohner und Dorfbewohnerinnen sind die lokalen Expert*innen vor Ort. Sie kennen sich in ihrem Dorf am besten aus und wissen, was gebraucht wird. Welche Probleme sind wirklich dringlich? Welche Orte sind von Bedeutung und was darf sich keinesfalls verändern? Darauf hat die Dorfgemeinschaft Antworten, die wesentlich für das Gelingen von Projekten sind. So können beispielsweise bei Infrastrukturprojekten gemeinsam Nutzungskonzepte entwickelt werden, die den größtmöglichen Vorteil für alle Beteiligten anstreben. 
Vor allem auf dem Land ist es essentiell, dass die entwickelten Angebote wirklich an den Bedarf der Bevölkerung angepasst sind und dementsprechend auch genutzt werden.

3. Bürgerbeteiligung profitiert von der Kreativität der Vielen

Wo immer gute Lösungen gebraucht werden ist es hilfreich, viele Menschen in den Prozess der Ideenfindung miteinzubeziehen. Wer bereits an einem Brainstorming teilgenommen hat weiß, welche Dynamik entstehen kann, wenn Gedanken aufeinander treffen und man gemeinsam auf Ideen kommt, die man alleine niemals gedacht hätte. Beteiligungsformate können genau diesen Schatz heben und so die kreativen Ideen der ganzen Dorfgemeinschaft in das Vorhaben integrieren.
In anderen Bereichen ist so ein Vorgehen schon lange selbstverständlich: beispielsweise im Design Thinking, einem strukturierten Kreativprozess der häufig in innovativen Teams angewandt wird, werden die späteren Nutzer*innen früh in den Prozess miteinbezogen. Das verspricht gute und schnelle Problemlösungen basierend auf den Ideen und Beobachtungen aller Beteiligten.

Der Ideenreichtum im Dorf ist enorm

4. Bürgerbeteiligung vermeidet Fehlplanungen

Bei Beteiligungsprozessen sind Menschen mit den unterschiedlichsten beruflichen und privaten Hintergründen involviert. Sie bringen nicht nur ihre Meinung sondern auch ihr Fachwissen mit in den Prozess ein. Gerade größere Planungsprozesse sind komplex und es gibt viel zu beachten und bedenken. Je komplexer das Vorhaben, desto höher ist der Nutzen, Menschen mit verschiedenen Perspektiven miteinzubeziehen. So können kritische Punkte schnell identifiziert werden und ein reicher Wissensschatz steht für die Lösung bereits parat.

5. Bürgerbeteiligung vermindert Konflikte 

Wenn sich im Ort etwas ändert, dann profitieren nicht immer alle davon. Vielleicht muss die Streuobstwiese dem neuen Vereinshaus weichen, vielleicht möchte eine Bevölkerungsgruppe gerne eine verkehrsberuhigte Zone, während die andere auf Lieferverkehr angewiesen ist. Wenn sich in Veränderungsprozessen unterschiedliche Bedürfnisse gegenüberstehen, kann es auch mal zu Interessenkonflikten kommen. In Beteiligungsformaten werden die unterschiedlichen Positionen sofort sichtbar. Es kann direkt vermittelt werden und man kann gemeinsam an Kompromissen und alternativen Lösungen arbeiten.

6. Bürgerbeteiligung erhöht die Akzeptanz von Veränderungen

Veränderungen, vor allem wenn es sich um Bauvorhaben handelt, gehen meist mit einer (temporären) Einschränkung einher. Kein Kreisverkehr ist über Nacht gebaut und auch der Streuobstwiese, die dem Vereinshaus weicht, wird manch einer hinterhertrauern. Ob dauerhafte oder zeitlich begrenzte Einschränkungen akzeptiert werden oder zu Konflikten im Dorf führen, ist vor allem eine Frage der Kommunikation. Wenn die Betroffenen frühzeitig beteiligt werden, ihre Bedenken vorbringen konnten und gemeinsam Alternativen geprüft haben, dann werden auch Entscheidungen mit negativen Konsequenzen eher akzeptiert und mitgetragen.  

Veränderung ist nicht immer willkommen

7. Bürgerbeteiligung steigert die Identifikation mit dem Ort

Bürgerbeteiligung hat das Potenzial die persönliche Bindung zum Wohnort zu stärken und das Gefühl der Zugehörigkeit und Bedeutsamkeit in der Dorfgemeinschaft zu stärken. Wer direkt an der Gestaltung des eigenen Lebensumfeldes beteiligt ist, identifiziert sich stärker mit seinem Wohnort. Schließlich ist dieser in Teilen Ergebnis des eigenen Wirkens. Vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist die emotionale Bindung zum Dorf einer der wesentlichen Gründe, ob sie im Ort wohnen bleiben bzw. nach einer Ausbildung wieder in ihren Heimatort zurückziehen.

8. Bürgerbeteiligung hört auch diejenigen die keine Stimme haben

In unserer repräsentativen Demokratie werden politische Entscheidungen von gewählten Vertreter*innen getroffen. Das hat diverse Vorteile, bedeutet aber auch, dass diejenigen, die nicht wählen können, keine Stimme haben. Die Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen kommen daher oft zu kurz. In Beteiligungsprozessen können die Bevölkerungsgruppen, die nicht wählen dürfen oder aus anderen Gründen nicht zu Wahl gehen, erreicht und bewusst miteinbezogen werden. Manche lassen sogar immer einen Sitzplatz frei, um symbolisch auch die Umwelt in den Prozess zu integrieren. Auch wenn sie nicht für sich sprechen kann, bleibt es doch eine Erinnerung, auf die Natur Rücksicht zu nehmen.

Klare politische Meinung – aber kein Stimmrecht

9.Bürgerbeteiligung fördert das gemeinsame Lernen

Aus einem Beteiligungsprozess gehen eigentlich immer alle etwas schlauer nach Hause als sie gekommen sind. Nach einem Tag, an dem alle ihre Kompetenzen und ihr Wissen eingebracht haben, haben alle viel voneinander gelernt. So fördert Beteiligung das Miteinander und das Dorf als lernende Gemeinschaft. Darüber hinaus haben die Beteiligten wichtige Erfahrungen gesammelt, wie man gemeinsam Projekte im Ort angeht und wie sie sich mit ihren Anregungen einbringen können.

10. Bürgerbeteiligung stärkt die Demokratie

In Beteiligungsprozessen können Bürger und Bürgerinnen sich direkt demokratisch beteiligen und einbringen. Ihre Ideen, Anregungen und Kritikpunkte fließen unmittelbar in aktuelle politische Entscheidungen und Planungen ein. Positive Beteiligungserfahrungen tragen insofern auch zu höherem Engagement und zur Stärkung der Demokratie bei.

Partizipative Verfahren können bürgerschaftliche Kompetenzen und das Wissen über demokratische Prinzipien fördern. So schaffen entsprechende Formate der Teilhabe einen »Raum des Politischen« (Hannah Arendt) – besonders wichtig im Angesicht zunehmend komplexer, globalisierter und multikultureller werdender Gesellschaften.

Die Argumente für Bürgerbeteiligung sind vielfältig. Dennoch: dass diese Vorteile eintreten ist nicht selbstverständlich – sie hängen wesentlich von der Qualität des Beteiligungsprozesses ab. Hierzu demnächst mehr, hier im Dorf macht Zukunft – Magazin.