Warum Visionen entwickeln? Die transformative Kraft von Zukunftsvorstellungen

Das Entwerfen eines Leitbilds oder einer Zukunftsvision für den eigenen Ort oder die Region ist in der Regionalentwicklung zunehmend weit verbreitet. Für eine partizipative Zukunftsgestaltung stellt die gemeinschaftliche Entwicklung einer Vorstellung der Zukunft einen zentralen ersten Schritt dar. Oft steht solch ein Prozess am Anfang eines größeren Veränderungsvorhabens, beispielsweise von geplanten Infrastrukturmaßnahmen oder wenn gezielt auf bestimmte Themen wie den demographischen Wandel reagiert werden soll.

Aber was sind eigentlich die Vorteile einer gemeinschaftlichen Verständigung über die Zukunft des eigenen Ortes und Lebensumfeldes?

Damit Zukunftsvisionen ihre transformative Kraft auf konstruktive und positive Weise entfalten können, gibt es zunächst zwei wichtige Voraussetzungen:

1. Nicht: Wie werden wir leben? Sondern: Wie wollen wir leben?

Es ist wichtig, dass wir nicht nur darüber diskutieren, was in Zukunft vielleicht sein wird, sondern vor allem eine gemeinsame wünschenswerte Vorstellung von der Zukunft des eigenen Dorfes entwickeln. Die Zukunftsvision soll zwar auf den gegenwärtigen Gegebenheiten basieren, allerdings sollen Veränderungen bewusst so weitergedacht werden, wie sie von der Gruppe als möglichst positiv wahrgenommen werden.

In der Darstellung von Dunne und Raby wird dieser Denkraum im Bereich des Plausiblen, Möglichen sowie Denkbaren und gleichzeitig im Bereich der wünschenswerten Zukunft verortet.


PPPP, nach Dunne & Raby

2. Nicht zu nah und nicht zu fern von der Realität

In der Zukunftsforschung werden Zukunftsvorstellungen aufgrund unterschiedlicher Ebenen des Realitätsbezugs differenziert. Es kann sich somit um eine vom Zustand der Gegenwart verhältnismäßig kurz oder weit entfernte Vorstellung handeln. Der Zeitraum, in dem sich die gemeinsam erdachte Zukunftsvorstellung bewegt, sollte sich nicht zu nah, aber auch nicht zu fern von der Gegenwart befinden.

Ein Zukunftsbild, das zum Beispiel nur den Zeithorizont des nächsten Jahres beinhaltet hat weniger Veränderungsspielraum. Das Denken ist weniger frei und zu stark ausgerichtet an der aktuellen Situation – ein wirklich idealer Zustand lässt sich hier schwieriger vorstellen.

Ist der Zeithorizont allerdings zu weit entfernt, fällt es schwer, genug Anknüpfungspunkte zur Gegenwart zu finden und zu viele unsichere Variablen machen die entwickelte Vorstellung gegebenenfalls redundant.

Je nach Vorhaben bewegt sich ein passender Zeithorizont für Visionen und Leitbilder in der Dorf- und Regionalentwicklung zwischen fünf und 15 Jahren in der Zukunft.

Funktionen von Zukunftsvorstellungen

1. Visionen dienen als Kompass für die Zukunft

Die Frage »Wie wollen wir hier an diesem Ort gemeinsam leben?« zielt darauf ab, die Vorstellung dafür zu schärfen, worauf zukünftige Veränderungen zusteuern sollen – also ein gewisses Zielwissen und somit Orientierung zu erzeugen.

Eine gemeinsame Zukunftsvorstellung ist also die Grundlage, um in einer sich verändernden Welt aktiv zu agieren statt passiv zu reagieren.       

So fungiert eine ideelle Zukunftsvorstellung gewissermaßen als eine Art Kompass für die Zukunft. Der Soziologe Harald Welzer beschreibt diesen Effekt so: »Derartige Vorerinnerung[en] (…) sind mentale Vorgriffe auf etwas erst in der Zukunft Existierendes. Sie spielen als Orientierungsmittel für die Ausrichtung von Entscheidungen und Handlungen in der Gegenwart eine mindestens genau so große Rolle wie das Zurückgreifen auf real oder vorgestellt erlebte Vergangenheiten« (1).

Die Inhalte der Vision können also ins Zentrum zukünftiger Entwicklungsbestrebungen gestellt und zu deren Rahmenbedingungen gemacht werden.

Durch Methoden aus der Zukunftsforschung wie das Backcasting kann der Weg zum wünschenswerten Zustand erschlossen und vorgezeichnet werden. Hierbei wird im gegensatz zum Forecasting ausgehend vom wünschenswerten Zustand in der Zukunft Schritt für Schritt in die Gegenwart zurück gegangen und sozusagen rückwärts eine Planungs-Roadmap erstellt. Die einzelnen Handlungsfelder können definiert und notwendige Aktivitäten abgeleitet werden. Durch das strukturierte Vorgehen werden Unsicherheiten und Komplexität reduziert

Visionen und Leitbilder verwandeln so die Träume von einer besseren Zukunft in konkrete Handlungsempfehlungen, die direkte Auswirkungen auf die Gegenwart haben.

2. Die motivierende Anziehungskraft von positiven Zukunftsvorstellungen

Negative Vorstellungen von der Zukunft erzeugen Angst, Unsicherheit und führen tendenziell zu einer veränderungskritischen Haltung, zum Bewahren dessen, was ist oder zu einer »früher war alles besser«-Einstellung.

Das Ziel bei der Entwicklung von Zukunftsvorstellung ist laut dem Zukunftsforscher Stephan Rammler auch, eine »Vertrautheit, Selbstverständlichkeit im Umgang mit dem Zukünftigen« zu erzeugen. So können Ängste und Vorbehalte aufgebrochen werden. Denn die Veränderung der Welt geschieht stets im Kopf und »visionäre Szenarien sind Gucklöcher in die Zukunft und in diesem Sinne gedankliche soziale Erfahrungsräume und Leitbilder zugleich« (2). Je besser wir uns also eine positive Zukunft vorstellen können, desto eher sind wir bereit unser aktuelles Handeln danach auszurichten.

Ein derartiges Leitbild oder eine Vision kann demnach im weitesten Sinne wie ein Magnet funktionieren: Es besitzt eine gewisse Anziehungskraft. Die positive Vision bündelt so die Energie der Gemeinschaft. Laut Jungk und Müllert, den Begründern der Zukunftswerkstätten kann so »der Bau von Luftschlössern (…) zur Motivierung und Mobilisierung der Öffentlichkeit beitragen« (3).

Der Neurobiologe Gerald Hüther beschreibt diesen Effekt in seinem Buch Kommunale Intelligenz außerdem so: »Wenn ein Orientierung bietendes Ziel einigermaßen klar umschrieben ist und der betreffenden Gemeinschaft als deutliches inneres Bild vor Augen steht, führen technischer Fortschritt und gemeinsame Anstrengung dazu, dass dieses Ziel über kurz oder lang auch wirklich erreicht wird.(…) Die Gemeinsame, für alle in der Kommune lebenden Menschen gleichermaßen gültige und attraktive Vision ist die nachhaltigste Strategie« (4). 

3. Stärkung der Gemeinschaft

Nicht zuletzt ist die Stärkung der gemeinschaftlichen Identität ein wesentlicher positiver Effekt von partizipativer Visionsentwicklung. Ein zentrales verbindendes Element ist dabei, eine gegenseitige Idee davon zu gewinnen, wie andere Bewohner*innen das Leben vor Ort wahrnehmen, ihre Werte und Ideale kennenzulernen und gemeinsam wünschenswerte Zielvorstellungen zu entwerfen. Gerald Hüther nennt dies den »gemeinsamen Geist« eines Ortes. Denn nicht nur für die individuelle Weiterentwicklung braucht es das Dorf, auch das Dorf benötigt die aktive Gemeinschaft, um einen gemeinsamen Geist hervorzubringen.

Zusammengefasst hat die gemeinschaftliche Auseinandersetzung mit wünschenswerten Zukunftsvorstellungen positive Effekte auf mehreren Ebenen, die teils über die rein inhaltlichen Ergebnisse des Prozesses hinausgehen.

Sie wollen siche auch gemeinsam mit Ihrem Dorf auf eine Reise in die Zukunft begeben?
Schreiben Sie uns gerne eine Mail!

(1)  Welzer, H. (2014). Selbst Denken. Eine Anleitung zum Widerstand. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, S. 136

(2) Jungk, R., Müllert, N. (1989). Zukunftswerkstätten : mit Phantasie gegen Routine und Resigna- tion. München, Heyne, S.178

(3) Rammler, S. (2014). Schubumkehr – Die Zukunft der Mobilität. Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, S. 16

(4) Hüther, G. (2013). Kommunale Intelligenz: Potenzialentfaltung in Städten und Gemeinden. Hamburg: Edition Körber, S. 72f