Willkommen auf dem Land – warum Zuzug wichtig ist und wie man ihn fördern kann

Die so genannte »Landflucht« ist in vielen ländlichen Regionen ein Thema. Vor allem junge Menschen ziehen zu Ausbildung oder Studium in die Städte, einige bleiben – doch viele zieht es auch wieder zurück in die Heimat.

Seit dem frühen 19. Jahrhundert bis heute ziehen Menschen aus in ländlichen Räumen in die Stadt – sowohl in Deutschland als auch in ganz Europa. Weltweit ist ein Prozess der Urbanisierung, bis hin zu Megacities mit mehreren Millionen Einwohner*innen, zu beobachten. Während um 1800 in Deutschland noch etwa 90% der Bevölkerung auf dem Land lebte, sind es heute noch etwa 50% – je nachdem, was als ländlicher Raum definiert wird. Heute leben bereits über 30% der Menschen in Deutschland in Städten mit über 100 000 Einwohner*innen – 1871 waren es noch 4,8%. (Henkel 2014)

Ob ein Dorf schwindende oder steigende Einwohner*innenzahlen verzeichnet ist von vielen Faktoren abhängig und sehr unterschiedlich. Vor allem jedoch Weiler mit bis zu 200 Einwohner*innen und kleine Dörfer mit bis zu 500 Einwohner*innen sind in den letzten 200 Jahren geschrumpft oder stagniert. Dörfer mit 500 bis 1000 Einwohner*innen sind hingegen eher gewachsen. Heute wächst allerdings nur noch ein kleiner Teil der deutschen Dörfer, der größte Teil befindet sich in der Stagnationsphase. (Henkel 2014)

Gründe für Zuwanderung in ländliche Regionen

Selbstverständlich fand – und findet – Zuwanderung in ländliche Regionen statt. Dabei ist zu beobachten, dass größere Wanderungsströme oft durch wirtschaftliche oder politische Krisen ausgelöst wurden. Vor allem in Notlagen, aber auch vor der Drohkulisse eines Kollaps, wurden ländliche Räume als Zufluchtsort geschätzt und genutzt. In der Weltwirtschaftskrise von 1929 bis 1934 zogen in den USA ca. 10 Millionen Menschen aufs Land. In Deutschland waren in der Geschichte ähnliche Prozesse zu beobachten. Gründe waren in erster Linie der einfacher verfügbare Wohnraum und die bessere Ernährungslage im Vergleich zu Städten. (Henkel 2014)

Aber auch ohne einschneidende politische und ökonomische Krise ist seit den 70er Jahren in einigen Orten, vor allem in Westdeutschland aber mittlerweile auch in Ostdeutschland, ein leichter Trend zur Zuwanderung in ländliche Räume zu beobachten. Die Abwanderungskurve wird dadurch etwas flacher. 

Die Erinnerung an die eigene Kindheit auf dem Land zieht junge Eltern zurück aufs Dorf

Seit der einigen Jahren ist ein Wegzug der 30 bis 50-Jährigen aus den Metropolen zu beobachten (Kholodilin 2017), Berlin verliert stetig Bevölkerung an Brandenburg. Die Gründe für die Zuwanderung in ländliche Räume sind heute, angesichts steigender Mieten in den Städten zum einen ökonomisch motiviert. Zum anderen machen eine neue Wertschätzung der Natur, Großstadtmüdigkeit und die Sehnsucht nach Überschaubarkeit, Platz und Sicherheit, vor allem für junge Familien mit Kindern das Landleben attraktiv. Interessanterweise verspricht für manche heutzutage das Dorf mehr Freiheit und Unabhängigkeit und dafür weniger Einsamkeit und Isolation als die Stadt.

Kreative entdecken das Land

In der jüngsten Zeit zeichnet sich ein Trend unter Kreativen, Künstler*innen, Schauspieler*innen und Intellektuellen ab, die bewusst aufs Land ziehen. Manche berichten dabei von ihren Erfahrungen, wie Dieter Moor in »Geschichten aus der »arschlochfreien Zone« oder die Publizistin Hilal Sezgin in »Landleben. Von einer, die raus zog«. Häufig sind es Rückwandernde, die nach einer Zeit der beruflichen Arbeit in der Stadt an ihren Heimatort zurückkehren. Vor allem in strukturschwachen Regionen mit viel Leerstand, finden sich Freiräume, die für Menschen interessant sind, die mit alternativen Wohnformen experimentieren wollen. Sie sehen hier bessere Möglichkeiten der individuellen Selbstverwirklichung als in der Stadt. Der Trend geht so weit, dass etwas sarkastisch von »Hipsterdörfern« in Brandenburg und deren Gentrifizierung gesprochen wird. (Jouhar 2018)

Auf dem Land gibt es Platz um unkonventionelle Dinge auszuprobieren

Warum Zuwanderung für Dörfer wichtig ist

Die Vermeidung von Abwanderung oder die Förderung von Zuwanderung ist ein wesentlicher Faktor die Lebensqualität in den Dörfern zu sichern. Denn eine lebendige Dorfgemeinschaft, ein Ortsbild mit wenig Leerstand und die Verteilung von Infrastrukturkosten auf möglichst viele Schultern sind wesentliche Aspekte für die Zukunftsfähigkeit eines Ortes. Zu- und Rückwanderung gibt der Dorfgemeinschaft soziale, kulturelle und wirtschaftliche Schwungkraft.

Für die allermeisten Menschen ist es wichtig, dass der Ort an dem sie leben lebendig ist. Die Lebendigkeit des Dorfes, die an einer hohen Frequenz an Begegnungen und Durchmischung gemessen werden kann, entsteht jedoch vor allem durch eine funktionierende Dorfgemeinschaft. Um solch eine lebendige Gemeinschaft zu erhalten, braucht es Menschen die den nachbarschaftlichen Kontakt pflegen, am Vereinsleben teilhaben und gemeinsame Feste begehen. Ist die Bevölkerungszahl zu gering oder wenn das Leben nicht mehr im Ort, sondern in den Zentren oder im Privaten stattfindet, stirbt das Dorf allmählich.

Leerstand ist oft ein sichtbares Zeichen der Abwanderung, welches jedoch wiederum Abwanderung begünstigt. Stehen erst einmal einige Gebäude im Ortskern leer, wirkt der Ort sofort weniger lebendig. Das wirkt sich sowohl auf die Wahrnehmung des Ortes und auf die Bewohner*innen und Besucher*innen aus, als auch auf die örtliche Wirtschaft. Denn sobald in einer Einkaufsstraße sichtbarer Leerstand herrscht, wirkt sich das auch negativ auf den Umsatz der anderen Geschäfte aus. Eine Abwärtsspirale beginnt.

Leerstand ist Symptom und Ursache sterbender Ortschaften

Die kommunale Infrastruktur wie Zu- und Abwasserleitungen oder der öffentliche Personennahverkehr sind auf eine bestimmte Anzahl an Bewohner*innen ausgelegt. Werden Sie weniger genutzt als geplant, beispielsweise weil die Bevölkerung schrumpft, bedeutet das eine zu geringe Auslastung. Schlimmstenfalls kann gebaute Infrastruktur wie Wasserleitungen Schaden nehmen, wenn sie nicht ausgelastet ist. Die Konsequenz sind steigende Kosten für Erhalt beziehungsweise Rückbau zur Verringerung der Kapazitäten. Da auch die der Kommune zur Verfügung stehenden Finanzmittel oft an die Bevölkerungszahl gekoppelt ist, stellt eine Abwanderung viele kommunale Haushalte vor große Probleme. Daher ist Zuwanderung auch für die langfristige Sicherung der Infrastruktur und deren Auslastung wichtig – sie sorgt für Stabilität. 

»Wir wünschen uns, dass Menschen hierher ziehen, aber es sollen eben die Richtigen sein.«

Diesen Satz habe ich bereits einige Male gehört. Alle Dorfgemeinschaften wünschen sich, dass ihre Kinder nach einer Episode in der Stadt wieder zurückkehren und eigene Familien im Dorf gründen. Auch der Zuzug von Menschen aus der Stadt oder anderen Regionen ist seitens vieler Dörfer gewünscht. Einige Gemeinden haben sich interessante Konzepte überlegt, wie sie Menschen zu sich ins Dorf holen.

Willkommenstour

Einige Gemeinden in der französischen Auvergne haben sich ein besonderes Konzept überlegt, um am Landleben interessierte Menschen die Entscheidung zum Umzug zu erleichtern. Sie bieten Bustouren an, in denen sie verschiedene Dörfer und interessante Orte besuchen. Den Besucher*innen werden die Region und teilweise auch zum Verkauf stehende Häuser vorgestellt. Sie erhalten einen direkten Einblick und haben die Möglichkeit Menschen zu treffen, die sich dort angesiedelt haben. So werden erste Kontakte geknüpft und individuelle Fragen beantwortet. Die potenziellen Neubürger*innen erhalten zudem allerlei Infos zu Arbeitsmöglichkeiten, Existenzgründung und vielem mehr.

Per Bus lernt man verschiedene Orte und Menschen kennen

Probewohnen

Viele Städter haben den Wunsch von der Stadt aufs Land zu ziehen. Doch die Bilder aus den Land-Magazinen und die Realität sind zwei Paar Schuhe. Einige Dörfer bieten deshalb ein Probewohnen an, bei dem die zukünftigen Dörfler erst einmal ausprobieren können, ob sie sich in der Dorfgemeinschaft wohl fühlen. Auch das Interesse ungewöhnliche Wohn- und Lebensformen, wie zum Beispiel Tiny Houses zu testen, ist hoch. Viele möchten selbst erleben wie es ist in diesen besonders kleinen, oft mobilen Häusern zu leben.

Wohnen auf Zeit um zu sehen ob es passt

Ankommensplattform

Hat man sich bereits für eine Gemeinde entschieden, ist ein Haus oder eine Wohnung zu finden das Eine. Im neuen Wohnort heimisch zu werden ist das Andere. Ankommensagenturen und -plattformen sollen es Neubürgern und Neubürgerinnen erleichtern, in der Region anzukommen. Sie bieten praktische Hilfe und Beratung rund um Jobs, Freizeit, Wohnen, Mobilität, Bildungsangebote, Bürokratie, und vieles mehr.

Unterstützung bei den ersten Schritten in der neuen Heimat

Da bleibt nur eines zu sagen: Willkommen auf dem Land – und auf gute Nachbarschaft.

Wie heißt ihr neue Menschen im Dorf oder in der Region willkommen? Welche Erfahrungen habt ihr gemacht? Schreibt uns gerne eure Geschichte an info@dorfmachtzukunft.de

Quellen:

Henkel, Gerhard (2014). Das Dorf: Landleben in Deutschland – gestern und heute. Bonn: Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung

Jouhar, J. (2018). Die Sehnsucht nach dem guten Landleben. Frankfurter Allgemeine. https://www.faz.net/aktuell/stil/drinnen-draussen/warum-grossstaedter-sich-nach-dem-landleben-sehnen-15875460.html (zuletzt abgerufen am 20.02.2019)

Kholodilin, K. A. (2017). Wanderungssalden der deutschen Metropolen. Der Landkreis 1-2/2017, 45-48. Berlin