Wo geht’s denn hier ins Zentrum? Der Donut-Effekt und was man dagegen tun kann

Die zentralen Plätze sind menschenleer und das Leben konzentriert sich auf die Wohngebiete am Rande. Was in den letzten Wochen in den Großstädten ein ungewohntes Bild war, ist in vielen Dörfern schon seit langem alltägliche Realität. 

Der so genannte »Donut-Effekt« ist ein Phänomen, von dem viele Dörfer betroffen sind. Wenn in der Ortsmitte Leerstand herrscht und sich die Menschen in die Wohngebiete zurückziehen, dann nennt man das einen »Donut-Effekt«. Anders als bei Berliner, Krapfen oder Pfannkuchen ist bei einem Donut eben die Mitte leer und der Rand gut gefüllt. Was beim Schmalzgebäck eine leckere Variante ist, ist für Dörfer langfristig eine verheerende Entwicklung.

Die Mitte ist das Herz des Dorfes

Das alte Dorfzentrum mit seinen Bauernhäusern, Geschäften, der alten Schule, dem Gasthof und der Kirche ist das Herz eines jeden Dorfes. Hier befinden sich die lokalen Nahversorger und die zentralen Begegnungsstätten. Eine lebendige Mitte zu haben ist für jede Dorfgemeinschaft essentiell, denn hier findet das öffentliche Leben statt. Auf den Plätzen, in den Gasthäusern, in der Kirche, im Vereinsheim leben wir Gemeinschaft, pflegen Freundschaften, Traditionen und Brauchtum, hier erleben wir, woran wir uns noch Jahre später zurückerinnern.

Wie der Donut-Effekt entsteht

Seit der Jahrtausendwende ist vielerorts eine Entleerung der Ortskerne – selbst in wachsenden Dörfern – zu beobachten (Henkel, 2014). Ein Phänomen, das in allen Regionen verbreitet ist. Die Leerstände in den Dorfkernen werden vor allem durch die Zentralisierung von Infrastrukturen sowie durch gezielte bauliche Maßnahmen begünstigt.

Mit den Arbeitsplätzen verschwindet das Leben aus den Dorfzentren

Ursprünglich war das Dorf weitgehend autonom, alles was man für das alltägliche Leben brauchte war vorhanden. Im historischen Ortskern gab es diverse Geschäfte und Betriebe, ein Gasthaus, die Schule, Arzt, Rathaus und Kirche. Als die Versorgungsstrukturen zunehmend zentralisiert wurden und zu größeren Einheiten zusammengefasst, verloren die Ortskerne ihre Bedeutung. Vielerorts wurden die Schulen geschlossen und in großen Schulzentren zusammengefasst. Große Discounter und Supermarktketten siedelten sich am Ortsrand an und machten den kleinen Läden unerbittliche Konkurrenz. Verwaltungsstrukturen wurden im Zuge der Gemeindereform zusammengelegt und viele Bürgerinnen und Bürger pendeln heute zum Arbeitsplatz.

Die Folge sind leerstehende Gebäude und Ladenflächen. Der Dorfkern stirbt Stück für Stück aus. Einmal in Gang gebracht, lässt sich solch eine Entwicklung schwer stoppen. Wenn nur noch wenige Versorgungsstrukturen und Einzelhändler vor Ort sind, verliert auch das Dorfzentrum als Ganzes an Attraktivität. Das macht es für die verbleibenden Unternehmer und Unternehmerinnen umso schwerer. 

Neubaugebiete und Dorferneuerungsprogramme hinterlassen ihre Spuren

Ein Eigenheim zu besitzen, das genau den eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen entspricht, das ist der Traum vieler Menschen. Häufig scheitert der Verkauf und die Neunutzung der historischen Gebäude im Zentrum daran, dass der Erhalt teurer und weniger gut kalkulierbar ist, als ein Neubau. Auch deshalb konzentrierten sich die Bauaktivitäten vielerorts auf die Ortsränder. Großzügige Neubaugebiete wurden ausgewiesen und kostenintensiv neue Straßen und Infrastrukturen gebaut. Die ehemaligen Landwirtschafts- und Handwerksgebäude im Dorfkern wurden bei dieser Entwicklung oft vernachlässigt. 

Das »Neudorf« (Neubaugebiet) ist heute oft gleich groß oder häufig sogar größer als das »Altdorf« (historischer Dorfkern). 

Auch die Förderprogramme zur Dorfsanierung und Dorferneuerung hinterließen ihre Spuren. Orte wurden durch Gebäudeabrisse »aufgelockert« und neue Dorfplätze, Grünanlagen und Parkplätze angelegt. So verloren viele Ortskerne ihr historisches Aussehen.

Rennboot / CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)
Rennboot / CC BY (https://creativecommons.org/licenses/by/3.0)

Der Donut-Effekt als Scheidepunkt in der Dorfentwicklung

Die bauliche Dorfentwicklung folgte einem oft ähnlich ablaufenden Muster: zunächst gab es eine Phase des Wachstums mit Zuzug von außen, in der nächsten Phase teilten sich die Arbeits- und Wohnbereiche, es entstanden reine Wohngebiete am Ortsrand. Im Zuge der Zentralisierung von Verwaltungs- und Versorgungsstrukturen und vermehrtem Pendeln wurde die Mitte des Dorfes immer leerer. Das so genannte Schlafdorf entsteht. Es besteht vor allem aus Wohnhäusern, das für Dörfer typische soziale Leben fehlt oftmals. An diesem Punkt entscheidet es sich, wie es mit dem Dorf weitergeht. Schlimmstenfalls verliert der Ort seine Attraktivität als Wohnsitz, die jungen Generationen wandern ab und das Dorf zerfällt. Mit klugen Strategien und einer aktiven Dorfgemeinschaft, die sich für ihre lebendige Mitte einsetzt, kann es jedoch gelingen, den Ortskern zu revitalisieren und das Dorf wieder zu einer echten Einheit werden zu lassen. 

Erhaltende Dorfentwicklung als politisches Ziel

Mittlerweile wurde das Problem auch auf politischer Ebene erkannt und die Wiederbelebung – baulich, infrastrukturell, wie sozial – zu einer der zentralen Aufgaben der Fachbehörden und Kommunalpolitik ländlicher Räume ernannt. Immer wieder werden entsprechende Förderprogramme aufgelegt. Entgegen der Dorferneuerungsprogramme der 60er und 70er Jahre hat sich inzwischen das Leitziel der »erhaltenden Dorfentwicklung« durchgesetzt (Henkel 2014). In den Förderrichtlinien der Länder ist verankert, dass in Dorferneuerungsprozessen die historisch gewachsenen Strukturen zu berücksichtigen sind und ein großer Teil der Mittel wird für ganzheitliche Dorfförderung und Reaktivierung der Dorfkerne aufgewendet. 

Das Förderprogramm »Innen statt Außen« unterstützt Sanierungsvorhaben, die dem Donut-Effekt entgegenwirken. Innenentwicklung vor Außenentwicklung ist der Grundsatz – so rückt das Dorf im wahrsten Sinne des Wortes wieder näher zusammen.

Der Wettbewerb »Kerniges Dorf! Umbau gestalten« zeichnet Dörfer und Gemeinden mit Konzepten zur Nutzung und Belebung ihrer Ortskerne aus.

In attraktiven Ortskernen, die ihre historische Struktur erhalten konnten, sind inzwischen gerade die alten Gebäude heiß begehrt. Sie versprühen historischen Charme durch einen für die Region typischen Baustil, mit hübschen Details und natürlichen Materialien und vermitteln das Bild des ursprünglichen Landlebens.

Was man gegen ein sterbendes Zentrum tun kann

Um dem Donut-Effekt entgegenzuwirken bzw. eine leere Mitte wiederzubeleben, ist es wichtig, zum einen die charakteristische Bausubstanz zu erhalten und zum anderen Versorgungseinrichtungen, wie Läden und Gasthöfe im Ortszentrum, zu erhalten oder wieder anzusiedeln. 

Lebendige Mehrfunktionshäuser statt gähnende Leere

Um wieder mehr Versorgungsangebote im Dorfzentrum zu haben, verfolgen immer mehr Dörfer das Konzept der Mehrfunktionshäuser. Hier werden verschiedene Dienstleistungen in einem Gebäude kombiniert. Ein Beispiel ist das Projekt Miteinander.Deersheim. Es ist ein genossenschaftlich organisiertes, generationsübergreifendes Nahversorgungszentrum. Dort gibt es einen Dorfladen, kombiniert mit einem Friseur und einem Café, eine Markthalle und einen Multifunktionsraum für Beratung und Bildung sowie medizinische Betreuung. Was traditionell in verschiedenen Gewerbeflächen stattfand, bündelt sich nun in einer.

Gehöft mit Sanierungsbedarf sucht passionierten Bastler

Die Idee der Wächterhäuser ist, renovierungsbedürftige Gebäude mit handwerklich begabten Mietern zusammenzubringen. Gerade Gebäude mit historischer Bausubstanz sind zwar besonders schön, aber auch aufwändig zu sanieren. Häufig finden sie keinen Käufer und der Verfall droht. Im Rahmen des Konzepts der Wächterhäuser (auch Wächterhöfe) kümmern sich Menschen um leerstehende Gebäude und dürfen diese im Gegenzug kostenlos nutzen – oft auch gewerblich. Das Ziel der Initiative ist der Erhalt des Gebäudes und die Wiederbelebung durch eine nachhaltige Nutzung. Hierfür vernetzen und beraten sie Initiativen, Projektinitiator*innen, Eigentümer*innen, Bauherr*innen und regionale Institutionen.

Bürgerbeteiligung trägt zur Lebendigkeit bei

Die Förderung und Unterstützung bürgerschaftlichen Engagements und des sozialen und kulturellen Lebens im Ort ist bei der Bekämpfung des Donut-Effektes ein wesentlicher Faktor. Positive Beispiele zeigen, dass eine intensive Kooperation zwischen Bürger*innen, der Kommunalpolitik und den jeweiligen Fachbehörden die Grundlage für einen erfolgreichen Prozess darstellen. Denn nur Projekte und Maßnahmen, die in der breiten Bevölkerung Anklang finden, werden auch nachhaltig genutzt. Bei der Umsetzung von Maßnahmen zur Belebung der Mitte ist es wichtig, die Bürger und Bürgerinnen frühzeitig miteinzubeziehen und über tatsächliche Bedarfe, Wünsche und Meinungen zu sprechen. So wird durch den regen Dialog und Gestaltungsprozess die Grundlage für einen lebendigen Ortskern geschaffen.

»Der alte Dorfkern als leere Hülle oder als lebendige und das Ortsbild prägende Mitte – hier wird sich auch die grundsätzliche Frage entscheiden, an welchem Leitbild sich das zukünftige »Dorf« des 21. Jahrhunderts orientieren wird: dem Leitbild des Überlieferten Kerns oder dem der Neubausiedlung am Rande.« (Henkel 2014, S. 255)

Quellen:
Henkel, G. (2014). Das Dorf. Landleben in Deutschland – gestern und heute. Bonn: Lizenzausgabe für die Bundeszentrale für politische Bildung