Zukunftsforum ländliche Entwicklung – eigene Visionen braucht das Land!

Mit dem Titel »Alles digital oder doch wieder »normal«? Neue Formen von Arbeit und Teilhabe als Chance für die ländlichen Räume« fand letzte Woche am 21. und 22. Januar 2021 das 14. Zukunftsforum ländliche Entwicklung im Rahmen der Grünen Woche statt. (1)

Zum ersten Mal handelte es sich dabei um eine rein digitale Veranstaltung, die man deshalb ortsunabhängig besuchen konnte. Auf diese Weise konnte ich in den letzten Monaten ganz bequem von meinem neuen Wohnort aus – einem Hofprojekt im schönen Wendland – an vielen fachspezifischen Veranstaltungen teilnehmen.

Das Fachforum, über das ich gerne hier berichten möchte, trug den Titel »Eigene Visionen braucht das Land!«. Ein Titel, der mich neugierig machte – denn dem kann ich ich nur zustimmen.

Die partizipative Entwicklung von Zukunftsvisionen in ländlichen Regionen ist eines unserer Kernthemen bei Dorf macht Zukunft. Deshalb hat es mich besonders gefreut, dass beim diesjährigen Zukunftsforum die Rolle und Relevanz von positiven Visionen für ländliche Räume so deutlich hervorgehoben wurde.

»Wie und in welchem Raum, in welchem Umfeld, wollen wir leben? Welche Vorstellung, welche Erwartung spricht uns, spricht mich persönlich an?« Diese Fragen standen in dem von der Deutschen Vernetzungsstelle Ländliche Räume (DVS), Agrarsozialen Gesellschaft (ASG) und Bundesarbeitsgemeinschaft der LEADER-Aktionsgruppen (BAG LAG) organisierten Fachforum im Vordergrund.

In seinem Grußwort betonte Dr. Hanns-Christoph Eiden, Präsident der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung, dass regionale und gesellschaftliche Entwicklungen ein gemeinschaftlich getragenes Entwicklungsbild, eine Vision benötigen. All diese Entwicklungsbilder und -konzepte müssen sich mit den großen Trends auseinandersetzen – den Klimawandel, den demografischen und den sozialen Wandel, aber auch den technologischen Wandel und die Digitalisierung berücksichtigen, wenn sie erfolgreich sein wollen. Erfolgreiche ländliche Regionen, so sagte er, entwickeln dazu ganz eigene Visionen auf der Grundlage ihrer regionalen Stärken. Die dazu passenden, starken Bilder spielen dabei eine ganz besonders wichtige Rolle. Denn auch er ist der Meinung: Ein Projekt ist weniger überzeugend und weniger wirkungsvoll, wenn das Ziel nicht klar ist. Ein gemeinsames Ziel vor Augen zu haben motiviert und entfaltet das Potenzial einer Region.

Und – aus unserer eigenen Erfahrung können wir sagen – ein Ziel wird umso klarer, wenn es möglichst anschaulich und greifbar für viele Beteiligte dargestellt wird.

Die Visionen müssen von den Menschen selbst kommen

Auch im Fachforum wurde immer wieder die Frage aufgeworfen: Was ist unsere eigene Vision vom Leben im ländlichen Raum?

Stefan Kämper von der DVS moderierte hierzu eine Live- Abstimmung, bei der die Frage beantwortet werden sollte: »Was gehört für Sie zur positiven Vision eines ländlichen Raums in dem sie gerne leben würden?«

Um die 110 Personen stimmten ab und es wurde eine Wortwolke erzeugt: Ganz groß zu lesen waren dort Begriffe wie Gemeinschaft, Natur, Nachhaltigkeit, Freiheit, Offenheit für Neues, Teilhabe, Verkehrsanbindung, (kulturelle) Vielfalt und Lebensqualität.

Auffällig war – Digitalisierung wurde so selten genannt, dass es nicht auf der Slide auftauchte. Es wurde deutlich: Digitalisierung kann immer nur Mittel zum Zweck sein. Es braucht dafür aber als erstes eine Vision!

Auch Hartmut Bernd von der Bundesarbeitsgemeinschaft der LEADER-Aktionsgruppen (BAG LAG) äußerte sich kritisch zum Titel des gesamten Zukunftsforums »Alles Digital oder doch wieder »normal«?« Für ihn sind beide Optionen wenig attraktiv. Ein digitales Leben? Was immer sich dahinter verbergen mag, sein Traum ist es nicht und die Wortwolke bestätigte dies. Ein »weiter so wie bisher« verbiete sich schon alleine wegen des nicht mehr zu bewerkstelligenden Ressourcenverbrauchs. Er meint, wir brauchen ein neues Bild vom zukunftsfähigen Leben, ein Gegenbild zu immer mehr Wachstum und Konsum. Er wirft die Frage auf, ob die ländlichen Regionen hier andere Lebensqualitäten anbieten können und selbstbewusst ganz eigene Visionen über ihre Zukunft entwickeln dürfen und sollten.

Wir sehen das sehr ähnlich und verstehen ländliche Räume schon lange als Zukunftslabore von morgen. Im Zuge der Transformation hin zu einer nachhaltigen Gesellschaft können sich ländliche Gebiete als Gesellschaftslabore positionieren, in denen neue Modelle von Effizienz und Nachhaltigkeit erprobt und optimiert werden. Hierzu braucht es vor allem eine selbstbewusste Haltung und neue optimistische Visionen vom zukünftigen Leben, Visionen, die auf den Stärken der Regionen aufbauen. Die Bilder und Visionen müssen zur eigenen Region passen, müssen die eigene Identität aufgreifen und stärken. Dazu ist es notwendig, die Vision selbst zu entwerfen.

Eigene Visionen braucht das Land! Die Visionen müssen von innen heraus kommen – sie können nicht von außen aufgezwungen werden. Von außen kann höchstens Inspiration kommen – die Energie kommt von innen.

Corona und die Zukunft ländlicher Räume

Immer wieder wurde das Thema Corona und die aktuelle Lage angesprochen. Begünstigt Corona tatsächlich die Renaissance des ländlichen Raums? Die Vorteile der Stadt scheinen wegzufallen, das Land, die Weite, die Natur wird zum Sehnsuchtsort.

Doch schon vor Corona hatten die ländlichen Räume viel zu bieten. Zusätzlich führen im Vergleich günstige Mieten und die Chancen der Digitalisierung schon seit längerem zu einer Attraktivitätssteigerung des Landes. Der »Digitalisierungsschub« durch Corona und die steigenden Möglichkeiten zum ortsunabhängigen Arbeiten begünstigen jedoch einen wirklichen Paradigmenwechsel.

Aber auch wenn externe Faktoren, Trends und Treiber das Land aktuell und auch in Zukunft attraktiver machen, dürfen laut Dr. Hanns-Christoph Eiden nicht die wichtigsten Treiber von Wandel vergessen werden – die Akteurinnen und Akteure, die vor Ort Veränderung gestalten. Und diese werden wiederum angetrieben von einem gemeinsamen Zukunftsbild, einer gemeinsamen Vision.

Die IBA Thüringen als Produzentin von Bildern des Lebens der Zukunft

Frau Dr. Marta Doehler-Behzadi, Stadtplanerin und Geschäftsführerin der IBA-Thüringen, hielt einen Vortrag mit dem Titel: »Die Kraft der Bilder. Und wie daraus die Zukunft ländlicher Räume gestaltet werden kann«
, der einen Eindruck vermittelte, wie solche Zukunftsbilder aussehen und erzeugt werde können.

»Welche Bilder haben Sie vom Land?« fragte Frau Dr. Marta Doehler-Behzadi in die Runde. Oft kommen uns bei der Frage die klassischen Klischee-Bilder von historischen Fachwerkhäusern, Wildtieren, schönem Wetter, Wäldern, Hügeln und Wiesen in den Sinn.  Solche Bilder von vorindustriellen Strukturen einer landwirtschaftlichen Bewirtschaftung, Ideen von regionalen Lebens- und Bauweisen ergreifen uns, sprechen uns emotional an. Sie sind oft Treiber von Wünschen, Entscheidungen und Sehnsüchten, aufs Land zu ziehen.

Was sich laut Dr. Marta Doehler-Behzadi hinter diesen Bildern verbirgt, sind komplexe Aussagen. Sie drücken unsere Wahrnehmungsschemata aus und zeigen mehr Wunsch als Realität. Wir brauchen also ein weites Verständnis von Bildern, denn es kann sich auch um Wunschbilder handeln.

Auf der anderen Seite stehen Bilder von »Landfrust«, dem Bienensterben, Neubausiedlungen, Großinfrastruktur, Logistikzentren, Deponien, großformatige Landwirtschaft. Diese Bilder dekonstruieren unsere Vorstellungen von Landlust.

Oftmals spielen diese Landschaften jedoch gar keine Rolle mehr im Alltag der Menschen auf dem Land, sie werden nicht mehr wahrgenommen. Sie erzählt aus einem Gespräch mit einem Bürgermeister, der auf die Frage antwortet, wann er sich zum letzten mal in dieser Landschaft aufgehalten hat: »Vor ungefähr zehn Jahren.«

Die meisten Menschen auf dem Land leben nicht mehr von der landwirtschaftlichen Produktion, sie sind im Handwerk, der Verwaltung, als Musiker, generell in vielfältigen Berufen tätig. Doch die Entfremdung von der ursprünglichen Landwirtschaft hierzulande sei noch nicht mit der in anderen Ländern vergleichbar, so Doehler-Behzadi. Sie erzählte von einer Familie in China, die im Hochhaus wohnt und tagsüber zur ihrer Gewächshaus-Plantage fährt. Solche Bilder waren letztes Jahr in der Ausstellung »Countryside« von Rem Koolhaas im Guggenheim Museum in News York zu sehen.

Sie warf die Frage auf, wie unterschiedlich Stadt und Dorf eigentlich noch sind. »Wie dörflich ist das Dorf, wenn man nicht agrarisch produziert? Wie städtisch ist die Stadt, wenn dort mehr grüne Infrastruktur, DIY und Urban Gardening entstehen? Wie natürlich ist die Natur vor den Toren der Stadt? Wie kulturvoll ist die Provinz?«

Mit der Ausstellung »StadtLand« 2019 wollte die IBA die veränderte Beziehungen zwischen Stadt und Land, Individuen und Natur, Siedlung und Landschaft sowie Gesellschaft und ihren Ressourcen thematisieren. Sie stellt einen Versuch dar, die Einbettung in natürliche, landschaftliche, stoffliche und Ressourcenzusammenhänge, wo einige Jahrhunderte lang Abkopplung im Vordergrund stand, wieder herzustellen. Der Regionalbezug und eine neue Stadt-Land-Beziehung sollen neue Perspektiven auf globale Herausforderungen eröffnen.

Die Ausstellung soll einen Blickwechsel verdeutlichen, so Doehler-Behzadi: »Nicht der sentimentalen Landlust verfallen, nicht den Städten in den Rücken fallen, aber Städte sind nicht nur Orte des Fortschritts.«

Durch die Ausstellung wurde ein Diskurs initiiert und die Grundhaltung verkörpert, die den ländlichen Raum als schöpferisches Territorium zeigt. Leerstand wird zu »Leergut« und bietet den Möglichkeitsraum für gesellschaftliche Utopien.

Dabei spielt auch die Produktion von Bildern eine große Rolle. Im Rahmen der IBA wurde die Thüringische Provinz in neue Kontexte gesetzt, wodurch neue eindrucksvolle Bilder von Ländlichkeit entstanden.

Ein Beispiel hierfür ist der Eiermannbau in Apolda. Mit dem Leitbild der »Open Factory« wurde die leerstehende Architekturikone kollektiv aktiviert. Hier lebten, lernten und arbeiteten im Sommer 2018, zwei Wochen lang 50 Kreative beim zweiten IBA Campus ‘Hotel Egon’ und schufen Möbel, überraschende Raumerlebnisse und möblierten berühmte Dachterrasse des Eiermannbaus.

Das Hotel Egon im Eiermannbau Apolda, Bildrechte: Thomas Müller

Die IBA sieht sich als Placemaker, indem sie ländliche Orte und Räume durch vielfältige kulturelle Projekte anreichert.

Grundvoraussetzungen für diese neuen Bilder und Narrative: Sich öffnen, anders denken, anders gestalten. Dabei kommt es auf die Tonalität an – wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus, so entsteht auch die Resonanz.

Und so gibt es eine Reihe an weiteren Beispielen, die einen Ausschnitt dieser Vision darstellen, die Dr. Marta Doehler-Behzadi vom neuen Landleben aufzeigt.

Sie erzählt von einer Festivalscheune im Vogtland, in der das Gewandhausorchester mit Landwirten musiziert. Auf dem Schloss Kannawurf wird im Rahmen des IBA Campus »1.500 Hektar Zukunft. (Er)Findung einer neuen Landschaftstypologie des 21. Jahrhunderts« an einer Land(wirt)schaft der Zukunft gearbeitet.

Im Schwarzatal wurde die Tradition der Sommerfrische neu interpretiert – durch den Tag der Sommerfrische. Die Devise ist: Türen auf, Tische vor die Türen um die Orte in das gesellschaftliche Bewusstsein zurückholen. Menschen vor Ort machen Programm, es gibt Erzählcafes, Verköstigung, Projekte zeigen ihre Fortschritte, Kirchen werden zu »Herbergskirchen« im Thüringer Wald und bieten Übernachtungsangebote. Die Veranstaltung ist nicht nur interessant für tausende Besucher*innen, sondern auch für neue Zielgruppen, die sich als »StadtLand Pioniere« ansiedeln.

Der Tag der Sommerfrische im Schwarzatal, Bildrechte: Thomas Müller

Um solche Projekte und Aktivitäten durch Organisations- und Governance-Strukturen zu unterstützen wurde das Projekt »SelbstLand« ins Leben gerufen.

Offene Fragen sind: Wie gelingt es, alle anzusprechen, bzw. alle die mitgestalten wollen? Wie gelingt es die unterschiedlichen Perspektiven zusammenzubringen, die urbanen Zuzügler*innen und Menschen, die keine urbanen Erfahrungen gemacht haben?

Wie gelingt es den Plot umzuformulieren? Weg von »morgen wird schlimmer als heute«, hin zu »Land ist Zukufnftsraum, ist Fortschrittsterritorium«. Um diese Perspektive zu ändern ist viel Kommunikation auf den unterschiedlichsten Ebenen notwendig. Es müssen vor allem die richtigen Kanäle, die richtigen Formate und Veranstaltungen gefunden werden.

Die Kommunikation über ländliche Räume hat sich bereits verändert, in den Medien ist der ländliche Raum bereits zu einem gesellschaftlichen Megathema geworden. Doch vor allem die positiven Bilder müssen gezeigt und kommuniziert werden. Die Medien brauchen dafür in erster Linie konkrete Projekte und Vorschläge, um zu verstehen was mit dem »Neuen« gemeint ist.

Die IBA ist in diesem Kontext ein wichtiges Instrument, das sehr schnell auf Diskurse reagieren und Impulse in Theorie und Praxis geben kann. Es werden neue Wege erkundet, Erkenntnisse und Empfehlungen an Politik, Wissenschaft, Fachwelt und gesellschaftliche Stakeholder übergeben. Die IBA Thüringen versteht sich als »Reallabor für das praktische Erproben neuer Ideen und Vorgehensweisen. Sie setzt auf engagierte Akteure und wird selbst initiativ.«(2)

Die abschließenden Worte von Dr. Marta Doehler-Behzadi sind eindrücklich: »Vor dem Hintergrund des Klimawandels müssen wir eine neue Form der Landnutzung, ein neues Verhalten der natürlichen Umwelt gegenüber finden, wir müssen anders wirtschaften. Insofern müssen wir den ländlichen Raum in anderer Art und Weise inszenieren und es reicht eben nicht, nur die Bilder und Visionen zu vermitteln, wir müssen sie grundieren mit einer neuen Sinnstiftung und gesellschaftlichen Bedeutung des ländlichen Raums, mit einer Wertschätzung und vor allem eine Wertschöpfung, die nachhaltige Lebensbedingungen gestattet.«

Positive Beispiel sind »Gucklöcher in die Zukunft«

Das Fachforum zeigt: öffentlichkeitswirksame Projekte mit Pioniergeist, die kreative neue Ansätze in ländlichen Regionen aufzeigen, transportieren greifbar die Bilder des neuen Selbstverständnis des ländlichen Raums und tragen einen großen Teil zur Gestaltung dessen neuer gesellschaftlicher Bedeutung bei. Diese Beispiele sind nicht nur Mutmacher, sie wecken Begehrlichkeiten, sie zeichnen einen Weg vor, sie sind ein Beweis dafür, dass andere Wege zu gehen möglich ist und liefern gleichzeitig die Bedienungsanleitung mit.

Kann es ein Leitbild für alle ländlichen Regionen geben?

Die Frage, »Was ist das Leitbild, was ist das Ziel?« einfach zu beantworten würde den ländlichen Regionen nicht gerecht werden. Es gibt nicht den ländlichen Raum, es gibt nicht die eine Vision. Diversität schafft wahre Innovation und macht krisenfest. Visionen müssen von innen kommen, sie müssen von den Menschen vor Ort entwickelt und mitgetragen werden, sie müssen auf den individuellen regionalen Potenzialen und Besonderheiten aufbauen  – nur so entfalten sie ihre Wirkungskraft.

Quellen:

(1) https://www.zukunftsforum-laendliche-entwicklung.de/

(2) https://www.iba-thueringen.de/hintergrund