Zukunftsorte – Keimzellen co-kreativer Regionalentwicklung

Mit großem Interesse habe ich letzte Woche die Vision 2030 – 1000 Orte für die Zukunft in Ostdeutschland des »Netzwerk Zukunftsorte« gelesen, das mit ihrem positiven Zukunftsszenario für Optimismus sorgt. Sie gibt konkrete Handlungsempfehlungen, macht Mut und hinterlässt eine neue Aufbruchsstimmung.

Auch deshalb nutzen wir selbst gerne die Methode der Visionsentwicklung – mehr dazu in unserem Artikel über die transformative Kraft von Zukunftsvisionen.

Thematisch passt diese Vision gut zu den Themen unserer letzen beiden Artikel – gemeinschaftliches Wohnen und CoWorking auf dem Land.
Beide Bewegungen spielen eine zentrale Rolle in der Vision der Zukunftsorte. Man könnte sagen, beides miteinander verknüpft ergibt die Basis für einen Zukunftsort. Ein Zukunftsort kann allerdings noch viel mehr – was uns zur Frage führt…

Was genau ist eigentlich ein Zukunftsort?

Zukunftsorte in Ostdeutschland. Fotos: links oben: Pablo Lopez für Projektraum Drahnsdorf | rechts oben: Tilman Vogler für Coconat | links unten: Jörg Gläscher für Robert Bosch Stiftung / Dorfscheune Prädikow | rechts unten: Sven Hagolani für Gut Stolzenhagen

Ein Zukunftsort ist zunächst tatsächlich ein Ort, der vor allem Wohnen und Arbeiten (wieder) vereint. Oft macht sich hierfür eine Gruppe von Menschen mit Gründergeist auf, ein leerstehendes Objekt auf dem Land, in dem sie Potenzial sieht, zu entwickeln.

In der Publikation zeigt eine grafische Darstellung ganz konkret, aus welchen »Bausteinen« ein Zukunftsort bestehen und welche Impulse er dadurch setzen kann. Die Betonung liegt auf kann – Zukunftsorte sind so individuell und unterschiedliche wie die Menschen, die sie beleben und die Regionen in denen sie verortet sind.

Der Zukunftsort steht im Zentrum der Aktivitäten und bildet die Keimzelle der neuen Impulse. Die Impulse und Effekte, die Zukunftsorte setzen können, bewegen sich auf unterschiedlichen Ebenen, wie Gemeinschaft, Infrastruktur & Lebensqualität, Vernetzung & Innovation, Arbeiten & Gewerbe sowie Nachhaltigkeit. In diesen Kontexten werden vielfältige Projekte angestoßen und realisiert.

© Netzwerk Zukunftsorte, Vision 2030 – 1000 Orte für die Zukunft in Ostdeutschland

Ganz konkret umgesetzt wurden bisher unter anderem einige Cafés und Kneipen, wie z.B. im Lehniner Institut für Kunst und Kultur, mehrere Coworking Spaces, z.B. im Coconat, Seminar- und Veranstaltungsräume, z.B. im Projektraum Drahnsdorf, ein Lesecafé und eine Dorfbibliothek, ein Raum für die lokale Feuerwehr, eine offene Holz- , Elektro-, Fahrrad- und Näh-Werkstatt oder eine Klima-Werkstatt. Aber auch diverse Seminare für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, eine Tanzakademie, ein Kreativ-Festival, regelmäßige Konzerte und Ausstellungen, Künstlerinnenkollektive sowie die Beteiligung an Tagen des Offenen Ateliers/Offenen Denkmals oder der Wandelwoche zählen dazu.

Die Gruppen brauchen laut dem Netzwerk Zukunftsorte vor allem kulturelle Offenheit, Prozesskompetenz und Projektmanagement-Skills, um vom niedrigschwelligen Experiment über alternative Finanzierungsmodelle zum nachhaltigen Gebäude und weiteren Projekten zu gelangen. Und sicherlich eine ordentliche Portion Durchhaltevermögen und Kreativität.

Drei Perspektiven auf Zukunft

Die Vision gliedert sich in drei Schwerpunkte: »Ostdeutschland als Innovationsraum«, »Die neue Landgesellschaft« und »Vernetzte Zukunftsorte«. In jedem Schwerpunkt wird zunächst aufgezeigt, wo wir heute stehen, es werden Zahlen genannt und konkrete Beispiele verlinkt. Darauf aufbauend wird die Zukunftsvision für 2030 geschildert und anhand weiterer Unterpunkte aufgeschlüsselt. Ich gebe euch einen kleinen Überblick über die drei Schwerpunkte der Vision.

Ostdeutschland als Innovationsraum

Besonders in den neuen Bundesländer sieht das Netzwerk das Potenzial, zu einer zukunftsweisenden Modellregion für das neue Leben und Arbeiten auf dem Land zu werden. Es sieht die vermeintlichen Schwächen als die notwendigen Stärken, um mit den heutigen Herausforderungen umzugehen. Die Bevölkerung hat Transformationserfahrung und damit einiges an Kompetenzen für den Wandel gesammelt. Dünn besiedelte Regionen bieten genug Freiraum zum Experimentieren und Gestalten. In den 1000 Kreativ- und Zukunftsorten, die es laut Vision 2030 gibt, bündelt sich Wissen über digitale und soziale Innovationen und globale und lokale Vernetztheit wird gelebt.

Die neue Landgesellschaft

Durch die Möglichkeit, Wohnen und Arbeiten wieder an einem Ort zu kombinieren, wird die Identifikation mit dem Lebensraum gestärkt. Dies fördert den Zusammenhalt und das Engagement vor Ort. Die Bewohner*innen schaffen gemeinsam mehr Lebensqualität durch neue Angebote der Daseinsvorsorge, der Bildung und Kultur und durch neue Dritte Orte . Dies zieht eine Vielfalt von weiteren Macher*innen, Fach- und Arbeitskräften und Kreativschaffenden an, die sich aktiv an lokalen und regionalen Entwicklungsprozessen beteiligen und rechtspopulistischen antidemokratischen Tendenzen eine gelebte Alternative entgegenstellen.

Vernetzte Zukunftsorte

Die Vision beschreibt netzwerkartige Strukturen von Zukunftsorten, die sich gegenseitig stärken. Die einzelnen Orte und Projekte sind nicht mehr von einer nahegelegenen Großstadt wie Berlin abhängig. Sie bilden ein Netz aus attraktiven Orten deren Bewohner*innen überregional und international gut vernetzt sind. Know-How in Form von Start-Ups und Unternehmen aus ganz neuen und unterschiedlichen Branchen siedeln sich an und stärken die Region.

© Netzwerk Zukunftsorte, Vision 2030 – 1000 Orte für die Zukunft in Ostdeutschland

Zukunftsorte – ein Konzept mit Potenzial

Die Bewegung rund um Zukunftsorte vereint viele aktuelle Strömungen gewinnbringend: Ab einem gewissen Alter, oft Anfang bis Mitte 30, werden für viele Menschen Städte unattraktiver. Die Anonymität der Stadt wird nicht mehr als erstrebenswert empfunden, direktere Beziehungen zu anderen Menschen und der Natur werden zum Sehnsuchtsziel. Corona trägt einen weiteren Teil dazu bei. Nachhaltigkeit ist ein Thema, das viele dabei verbindet. Allerdings ist der Schritt, alleine aufs Land zu ziehen, oft eine große Hürde. Zukunftsorte sind nicht zuletzt deshalb vor allem auch Orte des gemeinschaftlichen Lebens, Orte in denen die urbane Peergroup sich wiederfindet.

Viele sind selbständig und/oder arbeiten in Wissensberufen oder der Kreativbranche. Sie können oft ortsunabhängig arbeiten, bringen den notwendigen Gründergeist und die Leidenschaft dafür mit, Dinge selbst zu machen, sich eine Existenz selbst aufzubauen und ihre Umgebung aktiv mitzugestalten. Städter, aber auch Rückkehrende, kommen mit einem frischen Blick und transferieren Ideen und Lösungen aus anderen Regionen, Städten und anderen Ländern an den neuen Wohnort.

Dadurch, dass hier so viele aktuelle Trends zusammenfließen und Synergieeffekte entstehen, hat das Konzept der Zukunftsorte durchaus das Potenzial eine neue Dynamik in die Entwicklung ländlicher Räume zu bringen. Nicht zuletzt der Gestaltungswille, der Optimismus und die gemeinsame Vision die viele mitbringen, tragen dazu bei, eine nachhaltige Veränderung zu initiieren.

Sicherlich ist der Ansatz nicht die EINE Lösung für die Probleme strukturschwacher Regionen. Nicht alle Bereiche der Daseinsvorsorge können Bottom-Up gestemmt werden, nicht alle Personen fühlen sich von den meist akademisch gebildeten, urbanen und weiß-mitteleuropäisch geprägten Gruppen abgeholt. Und auch mögliche negative Folgen wie »rural gentrification« müssen thematisiert werden – dies will das Netzwerk in Zukunft stärker beleuchten und entwickelt bereits Strategien für Zuzug und Aufwertung ohne Gentrifizierung. 

Eine positive Vision soll an erster Stelle inspirieren – und genau das tut die Vision 2030 des Netzwerk Zukunftsorte. Darüber hinaus zeigen die Autor*innen mit einer Vielzahl von Fakten und Beispielen, die heute schon existieren, dass der Trend echtes Potenzial zu Entwicklung von ländlichen Regionen hat.